Lesetipp: “Gun Love” von Jennifer Clement

Der amerikanische Traum ist ein Mythos, der für viele Menschen eher ein amerikanischer Albtraum ist. Während auf einer Seite der gesellschaftliche Aufstieg geprägt ist vom Leitsatz, sich vom “Tellerwäscher bis zum Millionär” hochzuarbeiten, ist der Absturz deutlich einfacher und beginnt mit kleinen Schritten. “Gun Love” schreibt so eine fiktive Geschichte.

Seit ihrer Geburt lebt Pearl im Auto, sie vorne, ihre Ausreißer-Mutter auf der Rückbank. Vierzehn Jahre stehen die beiden jetzt schon am Rande eines Trailerpark irgendwo in Florida. Draußen vor der Windschutzscheibe ist die Welt den Waffen verfallen: Kinder wachsen mit Pistolen statt Haustieren auf, Schießübungen immer und überall, mal Alligatoren, mal den Fluss, mal Polizisten im Visier, und sonntags sitzt man beim Gottesdienst mit der geschulterten Schrotflinte in der ersten Reihe. Doch im Ford Mercury wirken andere Kräfte, hier lernt Pearl das Träumen. Bis ein schöner Mann und seine Pistolen alles verändern …

Schon ab den ersten Seiten zeichnet Jennifer Clement in ihrem neuen, sehr gesellschaftskritischen Buch eine bizarre Umgebung. Die innige Beziehung zwischen Mutter und Tochter in einer unwirtlichen, gespenstischen Umgebung, umgeben von merkwürdigen Menschen, die einem Arthouse-Movie entsprungen sein könnten. Die Beschreibung all dieser Menschen aus Sicht eines Kindes in wenigen Sätzen ist Clement äußerst gut gelunge. Dieses Erlebnis ist verbunden mit einem krassen Stimmungsbild zwischen Erfahrungen, Liebe und Hass. Gleichzeitig macht diese Reise den Leser an vielen Stellen fassungslos und erzeugt stärkste Bilder im Kopf, die noch lange Zeit nachwirken.

“Gun Love” ist eine Momentaufnahme einer Seite der USA, die erschreckend und gleichzeitig faszinierend ist. Spürbar ist die Lethargie, Lustlosigkeit und brutalste Ödnis einer ganzen Gesellschaft, geprägt durch den Konsum billigster Lebensmittel, einfacher Fernsehmotive und der Illusion der Freiheit durch den Besitz von Waffen. Aus dem Blickwinkel heraus hat “Gun Love” eine große Verwandtschaft mit dem autobiografischen Buch “Hillbilly Elegie” von J.D. Vance. Beide Werke zeigen ein großes Ausmaß des Moders in der amerikanischen Gesellschaft, ohne den Fehler zu machen, den Leser mit einfältigen Lösungsansätzen an der Nase herumzuführen. Das Elend ist greifbar und es ist wirklich elend.

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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über zwanzigjährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.