Lesetipp: „Hillbilly-Elegie“ von James David Vance

Spätestens seit dem US-Wahlkampf 2016 und der Wahl von Donald Trump zum US-Präsident dürfte selbst dem unpolitischten Mensch klar sein, dass sich in der US-Gesellschaft etwas fundamental verschoben hat. Von zornigen Gesellschaftsschichten ist die Rede, die sich vor allem mit Protest gegenüber des Establishments im fernen Washington D.C. Luft machen will.

Der so genannte „Rust Belt“, der „Rostgürtel“, war bis vor wenigen Jahrzehnten eine Region um die Appalachen im mittleren Osten der USA, der es dank Bergbau, Schwerindustrie und verwandten Industrien mit durchweg annehmbarem Wohlstand für die Arbeiterschaft recht gut ging. Gute, wenn auch harte Arbeit sorgte für gute Löhne und Wohlstand.

Als im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts immer mehr schwerindustrielle Unternehmen und Arbeitsplätze nach Übersee abwanderten beziehungsweise in den Ruin getrieben wurden, begann ein unvergleichlicher Niedergang, dessen Auswirkungen wirtschaftlich, gesellschaftlich und immer mehr auch politisch spürbar sind. Der Rust Belt und seine dort lebenden Menschen aus der ehemaligen weißen Mittelschicht sind tief gesunken in eine Welt aus Arbeits- und Hoffnungslosigkeit, gepaart mit exzessivem Medikamenten- und Drogenmissbrauch.

Auch James David Vance stammt aus einer zerrütteten Familie und wuchs zu großen Teilen bei seinen Großeltern, Tanten und Onkeln auf. Seine Eltern hatten schon seit seiner frühesten Kindheit mehr mit sich selbst zu tun, als ihm eine schöne Kindheit bieten zu können. Eine Kindheit in Armut und Elend, die bei vielen Kindern und Heranwachsenden, die im Rust Belt aufwachsen, eine Menge Konfliktpotential für ihr späteres Leben erzeugt.

Obwohl James David Vance erst 33 Jahre alt ist, hat er mit seinem autobiografischen Werk ein Buch geschrieben, das alle Grundlagen dafür besitzt, ein Standardwerk zeitgenössischer US-Literatur zu werden. Seine Beschreibung der Hillbillys, des „White Trash“, ist präzise und liest sich stellenweise wie eine Erzählung aus dem 19. Jahrhundert, obwohl der Zeithorizont der meisten Geschichten Ende der 1980er Jahre beginnt. Die Besinnung auf genau diesen Umstand macht dieses Buch an vielen Stellen fast unerträglich schwer zu lesen. Vance rettet auch diese Stellen in seinem Buch, in dem er niemals vergisst, auch frohe und hoffungsvolle Situationen zu beschreiben.

Das Buch macht daher zwar betroffen, ist aber kein jammervolles Werk. Es erklärt sehr eindrücklich, dass auch die weiße Gesellschaft der USA nicht frei von Konflikten und Armut ist.

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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über zwanzigjährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.