Ausbildungsmarkt auch in Pforzheim unter Druck

Immer häufiger können Ausbildungsplätze nicht belegt werden, da es an Interessenten mangelt. Neue Wege sind gefragt.

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Der deutsche Arbeitsmarkt hat ein großes demografisches Problem. Die geburtenstarken Jahrgänge wechseln nach und nach in den Ruhestand, während die nachfolgenden Jahrgänge immer geburtenschwacher wurden und daher immer weniger junge Menschen in den Berufsmarkt eintreten. Das zeigt sich nun unter anderem bei der fehlenden Besetzung von Ausbildungsplätzen, die für viele Branchen und Unternehmen mit hohem Fachkräftebedarf zu teils dramatischen Entwicklungen führt.

Zahlen der Bundesagentur für Arbeit, die in einer gemeinsamen Kooperation mit dem Redaktionsnetzwerk CORRECTIV und PF-BITS bundesweit und in Pforzheim ausgewertet wurden, zeigen, dass in Pforzheim 2018 auf eine Ausbildungsstelle durchschnittlich 0,78 Ausbildungssuchende kamen. Das Enzkreis zeigt sich etwas besser mit fast einem Ausbildungssuchenden für jede Ausbildungsstelle im Durchschnitt.

Pforzheim gehört damit zu den Kreisen in Deutschland, in denen ein an sich gut ausgestatteter Ausbildungsmarkt in einigen Branchen händeringend nach Auszubildenden sucht. Besonders gesucht sind dabei Auszubildende in den Branchen Vermessung und Kartografie (4 Plätze und 0 Gesuche), Überwachung, Wartung, Verkehrsinfrastruktur und Verwaltung (3 Plätze und 0 Gesuche) und Verwaltung (45 Plätze und 16 Gesuche).

Beliebte Ausbildungsbranchen vor allem technischer Natur

Weiterhin gefragt sind Ausbildungsplätze in technisch-handwerklichen Berufen. Hier haben sich vor allem Handwerksinnungen jahrelang mit Kampagnen darum bemüht, wieder eine Nachfrage für Ausbildungen in klassischen Handwerksberufen zu schaffen. „Vor den Folgen des Akademisierungswahns hat das Handwerk jahrelang gewarnt, unsere Warnungen verhallten allerdings ungehört“, so Sarah Kempf, Pressesprecherin des Zentralverbands des Deutschen Handwerks. „Jetzt zeigt sich, dass die Warnungen berechtigt waren: Die gesellschaftliche Wertschätzung für eine berufliche Ausbildung und eine berufliche Tätigkeit im Handwerk ist gesunken. Die Folge ist, dass sich selbst Jugendliche, die gern eine handwerkliche Ausbildung machen würden, oft dagegen entscheiden.“

Mehr Werben um immer weniger Interessenten

Die Stadtverwaltung Pforzheim setzt als einer der größten Ausbildungsbetriebe in der Stadt für die Fachkräftegewinnung neben einem ganzheitlichen Marketingkonzept auf ein ausgedehntes Ausbildungsangebot, bietet Interessierten Berufsorientierungsmaßnahmen und hat das Angebot für das so genannte „Freiwillige Soziale Jahr“ (FSJ) auf über 20 Stellen erweitert. Auch die Gewinnung von Quereinsteigern ist ein fester Punkt, um bestimmte Personengruppen mit entsprechenden Qualifikationen weiterzubilden und damit einen entsprechenden Berufsabschluss zu erreichen. So gibt es speziell im Erziehungsbereich mit der „praxisintegrierten Ausbildung“ (PiA) ein Konzept neben der klassischen Schulausbildung, bei dem die reine Schulausbildung zugunsten von Praxisarbeit abgespeckt wird. Zudem haben die PiA-Auszubildenden drei Jahre lang einen bezahlten Vertrag in der Tasche.

Ein Modell, das auch die Kfz-Innung Pforzheim-Enzkreis intern diskutieren will, um das Berufsbild des Kfz-Mechatronikers attraktiver für Auszubildende zu machen. „Wir sehen schon das Problem,“ so Obermeister Timo Gerstel, „dass viele Interessenten wenig damit anfangen können, im ersten Lehrjahr, das weitgehend schulisch stattfindet, sehr wenig Geld zu verdienen“. Für neue Konzepte seien aber vorher umfangreiche Abstimmungen mit Innung, Betrieben und Berufsschulen notwendig.

Bei der Einstellung von Migranten und Flüchtlingen haben die meisten Innungsbetriebe keine Berührungsängste – wenn die Sprachkenntnisse stimmen. Hier sei vor allem eine zügige sprachliche Ausbildung wichtig, so Gerstel. Zudem sei es für viele Betriebe bei noch nicht anerkannten Flüchtlingen sehr problematisch, dass letztlich bei einer Ablehnung des Flüchtlingsstatus auch einen Abbruch des Ausbildungsverhältnisses droht und damit das ausbildende Unternehmen plötzlich die Investition in den Nachwuchs ersatzlos verliert.

Ebenfalls eine in Pforzheim betroffene Branche ist die Gastronomie, in der im Ausbildungsjahr 2018 nach den Zahlen der Bundesagentur auf 15 Ausbildungsstellen nur 4 Gesuche kamen. Der Pforzheimer Gastronom Frank Daudert setzt in Sachen Personal inzwischen vor allem auf berufserfahrene Kräfte: „Wir lernen inzwischen viel mehr berufserfahrene Leute an und zwar egal, von wo sie sind. Wenn wir sehen, dass jemand Potential hat, dann fördern wir ihn und bilden ihn intern auf unsere Küche und Lokalitäten aus. Das können sie mit etwas Erfahrung dann auch richtig gut.“

Auch im Bezug auf Migranten kennt Daudert keine Berührungsängste – ganz im Gegenteil: „Wir hatten letztes und vorletztes Jahr den Fall, dass wir an einigen Tagen den kompletten Betrieb ausschließlich nur mit ausländischen Arbeitskräften bewältigen konnten. Hätten wir sie nicht gehabt, hätten wir nicht öffnen können.“


Diese Recherche ist Teil einer Kooperation von PF-BITS mit CORRECTIV.Lokal, einem Netzwerk für Lokaljournalismus, das datengetriebene und investigative Recherchen gemeinsam mit Lokalpartnern umsetzt. CORRECTIV.Lokal ist Teil des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV, das sich durch Spenden von Bürgern und Stiftungen finanziert. Mehr unter correctiv.org.

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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über zwanzigjährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.