„Es ist kein Kopftuchprotest – es geht um das große Ganze“

Islamwissenschaftlerin Professorin Dr. Amirpur zu Besuch im Studium Generale der Hochschule Pforzheim, von links: Prof. Dr. Frauke Sander, Rektor Prof. Dr. Ulrich Jautz, Prof. Dr. Katajun Aminpur sowie Prof. Dr. Christa Wehner (Foto: Hochschule Pforzheim/Cornelia Kamper)

Zahlreiche Besucher bei Studium Generale-Vortrag von Islamwissenschaftlerin Professorin Dr. Amirpur

(Lesezeit: 5 Minuten)

„Die Todesstrafe wird gezielt als Mittel der Unterdrückung genutzt. Die Menschen in Iran geben aber auch nach acht Monaten nicht auf, sie leisten im höchsten Maße Widerstand.“ Die Worte und Fakten von Amnesty International, die Professorin Dr. Frauke Sander, eine der beiden Wissenschaftlichen Leiterinnen des Studium Generale in ihrer Anmoderation wählt, sorgen für Betroffenheit. Doch sie verdeutlichen einmal mehr, wie aktuell das Thema des Vortrags ist, dem rund 400 Besucherinnen und Besucher im Audimax interessiert folgen. Die Islamwissenschaftlerin, Professorin Dr. Katajun Amirpur, führt die Hörerinnen und Hörer schrittweise an die Frage heran: „Iran – wie geht es weiter mit dem Aufstand gegen den Gottesstaat?“

Eine Rekapitulation des vergangenen Jahres macht den Anfang: In der Außenwahrnehmung habe die aktuelle Revolution mit dem Tod der jungen Jina Mahsa Amini begonnen, einer Kurdin, die zu Besuch in Teheran gewesen sei, nicht um eine Protestaktion zu starten. Sie sei lediglich durch die Straßen gegangen und habe dabei das Kopftuch – wie sehr viele andere Frauen auch – so getragen, dass ihre Haare sichtbar gewesen seien. An ihrem Tod infolge der „Behandlungen“ durch die Sittenpolizei, habe sich dann riesengroßer Protest entzündet. „Einer der Gründe ist, dass ein Großteil der Iraner und Iranerinnen sich gedacht hat‚ “das hätte jetzt auch meiner Schwester, Mutter, Tochter, Cousine, Familie passieren können“, auch Männer haben das erkannt“, so die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur.

Ein weiterer wichtiger Punkt sei auch die Tatsache, wofür das Kopftuch stehe: „Es steht dafür, dass man den Menschen das Recht auf Selbstbestimmung verweigert und das schon seit Jahrzehnten. Daher ist es als feministischer Aufstand zu bezeichnen“, führt die Expertin fort. Zentraler Punkt der aktuellen Revolution sei die Selbstbestimmung, die sich nicht nur auf Kleidung beschränke. Dass man die Muttersprache Persisch in der Schule lernen dürfe, als auch seine sexuelle und religiöse Orientierung frei leben könne, seien zentrale Antriebspunkte für die Proteste.

Positiv zu werten sei dabei die große Solidarisierung, beispielsweise unter berühmten Sportlerinnen und Sportlern wie der Kletterin Elnaz Rakabi, des Fußballspielers und Trainers Ali Daei oder des Strandfußballers Saeed Piramoon. „Wenn die Menschen im Iran es schaffen, sich von dem Regime zu befreien, was ich sehr hoffe, dann hat das eine enorme Ausstrahlung auf die restliche islamische Welt“ schließt die Islamwissenschafterin die Zusammenfassung der aktuellen Geschehnisse und geht zum historischen Teil über, in dem sie beschrieb, wie die Aufstände im Jahr 1979 begannen und durch die Auflehnung gegen das Schah-Regieme Ajatollah Ruhollah Chomeini an die Macht kam. Vor allem die Rechte der Frauen seien in den darauffolgenden Jahren stark beschnitten worden.

„Iran – wie geht es weiter mit dem Aufstand gegen den Gottesstaat?“

Professorin Dr. Katajun Amirpur schließt ihren anschaulichen Vortrag mit einem Ausblick, der ihren aktuellen Buchtitel aufnimmt: Iran ohne Islam. Zu beobachten sei eine starke Abwendung vom Islamismus und eine Zuwendung zum Zoroastrismus, einer der ältesten monotheistischen Religionen, die noch sehr im Leben im Iran verankert sei. Das Neujahrsfest, das im März gefeiert wird, ist hier nur ein Beispiel.

Was es bräuchte, damit es zu dem Umsturz kommt? „Risse innerhalb der Garde – eine Art Gorbatschow in Iran“, ist sich Amirpur sicher. Aber Iran ganz ohne Islam? „Ich werde häufig gefragt, ob ich es ernst meine mit dem Titel, er sei ja sehr provokativ. Natürlich nicht – Wenn es irgendwann ein säkulares System gibt, können die Menschen den Islam wieder so leben, wie sie das möchten.“ Der Islam sei auch in der schönsten Art und Weise prägend und bestimmend für den Iran gewesen, so dass man ihn nicht wegdenken könne. Vor allem auf Feste, Kunst und Kultur bezogen: „Wenn Iraner etwas sind, dann sind sie ein Volk der Literatur und Poesie, also wird viel vom Islam übrigbleiben“.

Auf eine der zahlreichen Fragen aus dem Publikum findet die Islamwissenschaftlerin sehr deutliche Worte. Wie sie zur Verbrennung des Kopftuchs als religiöses Symbol stehe, sei klar: „Ich finde es nicht verwerflich, ein Kopftuch zu verbrennen. Ich finde es verwerflich, Menschen zu töten, die ein Kopftuch verbrennen.“

Quelle(n): pm

Besim Karadeniz
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