Einordnungen zur Bewerbung Pforzheims als Europäische Kulturhauptstadt 2025

In den letzten Wochen haben wir unsere Leserschaft in den sozialen Netzwerken dazu aufgerufen, Fragen zur Bewerbung Pforzheims als Europäische Kulturhauptstadt 2025 zu schicken. Eine Sammlung dieser Fragen und die Antworten dazu:

Was ist die Europäische Kulturhauptstadt überhaupt?

Die Wikipedia schreibt dazu: “Die Kulturhauptstadt Europas (von 1985 bis 1999 Kulturstadt Europas) ist ein Titel, der jährlich von der Europäischen Union vergeben wird (seit 2004 an mindestens zwei Städte). Die Benennung soll dazu beitragen, den Reichtum, die Vielfalt und die Gemeinsamkeiten des kulturellen Erbes in Europa herauszustellen und ein besseres Verständnis der Bürger Europas füreinander zu ermöglichen.”

Europäische Kulturhauptstädte sind für jeweils ein Jahr ein Ort für vielfältige Veranstaltungen, die die Originalität und Kultur einer Stadt, Region und eines Landes in einem europäischen Kontext transportieren sollen. Dazu sind diese kulturellen Veranstaltungen und auch die Stadt selbst in diesem Zeitraum auch Ziel überregionaler und internationaler Berichterstattung.

Dass durchaus eher kleine Städte und Regionen als Europäische Kulturhauptstadt nominiert und ausgewählt werden, ist so gewollt, um solche Regionen mit derartigen Großveranstaltungen nachhaltig zu fördern. Viele Projekte, die im Rahmen einer Kulturhauptstadt entstehen, bleiben der Region auch nach dem Kulturhauptstadtsjahr erhalten.

Wie funktioniert das Bewerbungsverfahren zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 überhaupt?

Für das Jahr 2025 sind die Länder Slowenien und Deutschland die Ausrichter der Europäischen Kulturhauptstadt. Für Deutschland heißt dies, dass in einem nationalen Auswahlentscheid eine deutsche Stadt gefunden werden soll, die Ausrichter der Europäischen Kulturhauptstadt ist. Der Auswahlprozess beginnt jeweils sechs Jahre vor dem eigentlichen Hauptstadtjahr.

Für diesen Auswahlprozess können sich deutsche Städte entsprechend bewerben. Das nationale Auswahlverfahren wird von der Kulturstiftung der Länder übernommen.

Wer sind die Mitbewerber?

Eine Reihe von Mitbewerbern in Deutschland sind bereits bekannt. Darunter zählen die Städte Dresden, Chemnitz, Hannover, Hildesheim, Kassel, Koblenz, Magdeburg und Nürnberg.

Dass in vielen Städten eine Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt durchaus kritisch gesehen wird, zeigt die Stadt Kassel, die im Frühjahr ihre Bewerbungsambitionen aus Kostengründen zurückgezogen hat. Dort erwartete die Stadtverwaltung Bewerbungskosten in Höhe von 70 Millionen Euro und Investitionskosten von bis zu 200 Millionen Euro nach einer erfolgreichen Bewerbung. Diese Kosten sind allerdings nicht direkt mit anderen Bewerberstädten vergleichbar, da sowohl Bewerbung, als auch das Kulturhauptstadtsjahr selbst, weitgehend von den Bewerberstädten geplant und durchgeführt werden.

Wer finanziert bei einer erfolgreichen Bewerbung das Kulturhauptstadtsjahr?

Die Planung der Finanzierung des Kulturhauptstadtsjahrs ist ein Bestandteil einer Bewerbung. Bei der Art und Weise der Finanzierung sind die Städte weitgehend frei in ihrer Entscheidung.

Als Grundlage erhalten gewählte Europäische Kulturhauptstädte aus mehreren Töpfen und Stiftungen Gelder für das Projekt. Neben Förderungen aus Finanzierungstöpfen der Europäischen Union sind auch Fördergelder des Bundes und des Landes üblich. Indirekte Förderungen sind beispielsweise Investitionen im Bereich der Infrastruktur, beispielsweise beim Bau von Landes- oder Bundesstraßen.

Und letztlich ist die Marke der Europäischen Kulturhauptstadt auch attraktiv für private Sponsoren und Werbetreibende.

Wer finanziert die Bewerbung als Kandidatenstadt?

Die Bewerbung trägt üblicherweise die Kommune, die sich um die Europäische Kulturhauptstadt bewirbt. Dieses Budget kann, je nach Vorgehensweise und Kreativität des Bewerbers, auf unterschiedliche Weise finanziert werden. Manche Bewerberstädte tun sich mit der umliegenden Region zusammen, um die Bewerbung gemeinsam zu stemmen. Andere Städte planen die Einbindung privater Investoren bis zu einem gewissen Grade

Die Bewerbungskosten können, je nach Aufwand der Bewerbung, unterschiedlich hoch ausfallen. In Pforzheim rechnet der Gemeinderat und ein Kreis von Investoren mit Bewerbungskosten von 5 Millionen Euro.

Wie steht der Enzkreis als Region zu einer eventuellen Zusammenarbeit bei der Bewerbung?

Die Kreisverwaltung und der Kreistag stehen einer Bewerbung Pforzheims als Kulturhauptstadt eher reserviert gegenüber. Im Vorfeld gab es Irritationen über eine Pressemitteilung der Stadt Pforzheim, in der Bürgermeisterin Schüssler eine Modellrechnung für eine Bewerbung aufstellte, die ein finanzielles Engagement des Enzkreises beinhaltete. Diese Mitteilung löste im Kreistag in allen Fraktionen Empörung aus, die in einer eigenen Mitteilung jegliche Finanzmittel des Enzkreises ausschloß.

In der jetzigen Diskussion über ein privatwirtschaftliches Engagement und der grundsätzlich positiven Haltung der Stadt Pforzheim über dieses Engagement zeigt sich der Enzkreis offen, allerdings weiterhin mit dem Hinweis, dass jegliches finanzielles Engagement von privater Seite getragen werden muss.

Was hat es mit der privaten Initiative zur Finanzierung auf sich?

Im Juli trat inmitten der Diskussion über eine Bewerbung und der Tendenz zu einer Ablehnung einer solchen aus Gründen der angespannten Finanzsituation der Stadt ein Kreis von Unternehmern aus der Region in die Öffentlichkeit, der bereit ist, die Kosten für eine Bewerbung, die die Stadt zu tragen hätte, vollständig privatwirtschaftlich zu übernehmen. Zu diesen Unternehmern gehören unter anderem Eugen Müller (Meyle+Müller), Wolfgang Scheidtweiler (Brauhaus Pforzheim), der Unternehmensberater Andreas Ruf und Philipp Reisert (Hafner).

Die Zusage der privaten Investoren gelte neben der Übernahme der Bewerbungskosten auch für den kommunalen Finanzierungsteil, den die Stadt zu tragen hätte, wenn die Bewerbung erfolgreich wäre.

Wie steht die Pforzheimer Stadtverwaltung zu einer Bewerbung?

Nachdem die Idee für eine Bewerbung vor allem durch die Gemeinderatsfraktion der Grünen Liste und der Bürgermeisterin Sibylle Schüssler in die Diskussion gebracht wurde, äußerte Oberbürgermeister Peter Boch im späteren Verlauf der kontroversen Diskussion in einer Pressemitteilung zunächst seine Empfehlung, aus Kostengründen und im Hinblick auf die angespannte Finanzsituation der Stadt von einer Bewerbung abzusehen. Auch aus dem Gemeinderat gab es beträchtlichen Widerstand gegenüber einer Bewerbung und dem damit verbundenen finanziellen Aufwand, auch wenn fraktionsübergreifend betont wurde, dass eine Bewerbung durchaus positive Impulse auf Stadt und Region haben könnte.

Einen Stimmungswechsel gab es kurz vor der entscheidenden Gemeinderatssitzung im Lichte der Initiative der privaten Investoren. Sollte eine Finanzierung durch private Investoren gesichert möglich sein und der Kommune dadurch keine Kosten entstehen, sei eine Bewerbung empfehlenswert.

Wie ist der aktuelle Status der Bewerbung?

In seiner letzten Sitzung hat der Gemeinderat im Juli auf den Antrag hin, ob eine Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt verfolgt werden solle, eine grundsätzliche Zustimmung gegeben, die aber differenziert betrachtet werden muss.

Denn tatsächlich ist diese Zustimmung zunächst ein Auftrag an die Stadtverwaltung zu prüfen, ob eine Bewerbung mit dem besagten Kreis der privaten Investoren rechtssicher gestaltet werden kann. Für die Investoren bedeutet dies, dass sie nun die gemeinderätliche Sommerpause Zeit haben, um ihre Finanzierungspläne zu konkretisieren. Diese Pläne werden dann Basis eines Konzeptes, das den üblichen Verwaltungsweg gehen muss, indem es voraussichtlich von der Stadtverwaltung geprüft wird, dann im Gemeinderat zunächst den Finanzausschuss passieren muss, um dann später endgültig vom Gemeinderat verabschiedet zu werden. Erst dann sind die Wege für eine Bewerbung als Europäische Kulturhauptstadt geebnet.

Was ist die Initiative “Wir sind Pforzheim”

Diese Initiative „Wir sind Pforzheim“ (siehe Screenshot), die im Juli unter anderem mit einer aufsehenerregenden Aktion an der Enz Luftballons hat steigen lassen, drehte sich ursprünglich um eine Werkschau der Hochschule Pforzheim. Studierende des Masters of Arts Creative Design haben sich dabei mit dem Thema “Menschen in Pforzheim” beschäftigt und sich unter anderem auch mit dem Thema einer Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt auseinandergesetzt.

Nach eigener Aussage schreibt die Gruppierung “nun seine Konzepte für die Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2025 fort”.

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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über zwanzigjährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.