Die Sache mit dem Tankboykott

Es gibt vermutlich keinen Whatsapp-Nutzer, der in den letzten Tagen nicht auch diesen Aufruf bekommen hat. Hier heißt es: „Große Protestaktion gegen die steigenden Benzin und Dieselpreise“ und es wird aufgerufen, „am Montag, dem 26.11.2018 keine Tankstellen anzufahren.“ Man solle das doch am Tag zuvor oder erst wieder am Dienstag machen und „diese Protestaktion an alle Kontakte weitersenden, um ein Zeichen gegen die hohen Benzin und Dieselpreise zu setzen.“

Kettenbriefe gab es schon immer

Früher wurden Kettenbriefe per Post verschickt, dann kam die Gereration Faxgerät und aktuell erreichen uns Kettenbriefe per Email oder Whatsapp. Heute sitzt der wahre Verfasser irgendwo in den unendlichen Weiten des Internets und hat mit seiner Meldung nur ein einziges Ziel: Eine Meinung soll in kurzer Zeit um ein vielfaches multipliziert werden. Geht eine Whatsapp-Nachricht an 10 Personen und wird sie von diesen an die jeweils 100 Personen ihrer Kontaktliste geteilt, wurden vom Absender mit einem Klick 1000 Menschen erreicht.

Und da jeder dieser tausend Menschen wieder 100 Mal teilt, sind wir schon bei 100.000 Empfängern, von denen die wenigsten den Wahrheitsgehalt der Botschaft überprüfen. Und weil die meisten von uns regelmäßig das Auto volltanken müssen, trifft der Tankboykott-Aufruf natürlich genau ins Schwarze.

Der Verfasser vermutet, dass wenn alle am gleichen Tag die Tankstellen boykotieren, die Bundesregierung merkt, dass der Bürger mit den hohen Spritpreisen nicht einverstanden ist. Das ist aber falsch, denn es trifft nicht die Bundesregierung sondern die Tankstellenpächter. Die werden, wenn der Plan aufgeht, am Montag weniger Umsatz beim Treibstoff machen und nur ihre Nebenprodukte in ihren Tankstellen verkaufen.

Ein Rechenbeispiel

Nehmen wir an, an einer Tankstelle werden am Tag 50.000 Liter Treibstoff verkauft, dann ergibt das von Sonntag bis Dienstag einen Umsatz von 150.000 Litern. Fällt nun der Montag – so wie in dem Aufruf gefordert – weg, bleiben nur noch der Sonntag und der Dienstag. An diesen zwei Tagen tanken nun alle Fahrer, so ergibt sich ein Tagesumsatz von 75.000 Litern, was dann zusammen auch wieder 150.000 Liter ergibt.

Mit diesem Wissen im Hintergrund werden die Tankstellenbetreiber kaum einen Hauch von Existenzangst verspüren, denn das Tankverhalten ist nur verlagert. Das Einzige, was der tankende Kunde davon merken wird, ist die im Vergleich zu sonst riesige Warteschlange an den Zapfsäulen, denn die Menge der Fahrzeuge, die betankt werden müssen, verteilt sich auf zwei statt auf drei Tage.

Was bringt wirklich was?

Das Einzige, was auf Dauer gegen hohe Spritpreise wirklich hilft, ist das Tanken an den freien Tankstellen, die nicht an einen Konzern angebunden sind. Freie Tankstellen beziehen ihren Kraftstoff ohne Zwischenhändler direkt von den Raffinerien und sind in der Regel zwei bis drei Cent pro Liter günstiger als die großen Tankstellen. Sie sparen an großer Werbung und locken auch nicht mit Treueaktionen, die mit dem eigentlichen Tankvorgang nichts zu tun haben.

Natürlich ist das mit einem höheren Zeitaufwand verbunden, denn während bei den kleinen Tankstellen nur wenige Zapfsäulen zur Verfügung stehen, locken die großen mit riesigen Servicestationen und schneller Tank-Abwicklung. Zudem bieten sie noch einen Warenbestand, der einem kleinen Supermarkt gleicht.

Nur, wenn alle Autofahrer gemeinsam die kleinen Unternehmer unterstützen und sozusagen „regional tanken“, können sie den günstigsten Tankpreis bekommen. Und wenn sie das dauerhaft machen – auch wenn das vielleicht mit längeren Wartezeiten verbunden ist – brauchen wir auch keine Protestaufrufe mehr.

Über Björn Fix 148 Artikel
Björn Fix (bf), Jahrgang 1970, passionierter Fotoreporter und ständiger Mitarbeiter bei PF-BITS seit der ersten Stunde. Als gut informierter, zuverlässiger und gern gesehener Zuschauer und Beobachter ist er vor allem zuständig für aktuelle und "fixe" Berichterstattungen aus der Region.