Das Tempolimit und die schrille Reaktion der deutschen Politik

Die Diskussion um ein Tempolimit wird hysterisch geführt – so wie derzeit alle Themen rund um das Auto. Geht es dabei nur um das “Eigentum des Autobesitzers”? Wohl kaum.

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Ob das Ergebnis einer Klima-Arbeitsgruppe des Deutschen Bundestages mit der Empfehlung eines generellen Autobahn-Tempolimits von 130 km/h nun zur Unzeit kommt, ist diskutabel. Das Auto, gleichgesetzt mit dem “grenzenlosen” Mobilitätsdrang, gepaart mit liberaler Grundhaltung, muss alles dürfen, zumindest in Deutschland. Schon bei unseren Nachbarn sieht es ganz anders aus, denn in allen Nachbarländern Deutschlands existieren allgemeine Tempolimits auf Autobahnen.

Und: Niemand fällt in unseren Nachbarländern vom Glauben ab. Das Gegenteil ist der Fall, selbst für deutsche Touristen. Für nicht viele Urlauber fängt der Urlaub ans Mittelmeer nämlich schon auf den Autobahnen Österreichs oder der Schweiz an, auf denen – auch dank Geschwindigkeitsbegrenzungen und entsprechenden Kontrollen – deutlich zivilisierter gefahren wird.

Und so nimmt in Deutschland eine Diskussion rund um ein allgemeines Tempolimit grundsätzlich immer hysterische Züge an, ironischerweise vor allem befeuert durch die Politik.

Doch etwas hat sich geändert, denn die “Autonation Deutschland” ist angeschlagen. Die Debatte um den Diesel, um Grenzwerte und um leichtfertig weggewischte Ängste städtischer Bevölkerung wird per Order di mufti von ganz oben aus befeuert.

Bestes Beispiel war die Neujahrsempfangstour von Annegret Kramp-Karrenbauer am Wochenende, unter anderem in Pforzheim. Kramp-Karrenbauer äußerte da Verständnis für die “Sorgen” der Autofahrer, denn immerhin wäre ein allgemeines Tempolimit ein Angriff auf das “Eigentum des Autobesitzers” und dessen “Recht auf Selbstbestimmung”. Ein paar Sätze später offenbart sich Kramp-Karrenbauer dann in verblüffender Offenheit, denn mit allgemeinen Tempolimits sieht sie Arbeitsplätze in Gefahr. Auch im Saarland hätte man da entsprechende Ängste und da wisse sie Bescheid.

Der Hase und der Gejagte

Vermutlich kann man das inzwischen sogar unterschreiben, dass Arbeitsplätze in der Automobilbranche in Gefahr sind. Eine viel zu wenig beachtete Studie des Institutes für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) – immerhin ein Institut der Agentur für Arbeit – prognostiziert, dass aufgrund der Umstellung auf Elektroantriebe rund 114.000 Arbeitsplätze bis zum Jahre 2035 wegfallen werden. Das ist in 16 Jahren.

Einerseits ist die Fertigung von Autos mit Elektroantrieben einfacher, andererseits offenbart sich spätestens heute, dass die deutsche Autoindustrie langsam aber sicher den Anschluss an die Elektromobilität verliert, wenn sie denn überhaupt jemals einen hatte. Darüber kann man lächeln, aber schon in diesem Jahr ist die Quote der in China für den chinesischen Markt zu produzierende Autos auf rund 1,5 Millionen Stück festgelegt. Zum Vergleich: Mercedes-Benz hat im Jahre 2017 gerade einmal 1,6 Millionen Autos gefertigt, die überwiegende Zahl davon mit herkömmlichen Antrieben.

Der Nachholbedarf der deutschen Industrie ist gewaltig und es ist fraglich, ob die Transformation zur Elektromobilität schmerzlos funktionieren wird. Da kommt die Diskussion um ein allgemeines Tempolimit und die schrillen Reaktionen aus der Politik frappierend nahe an der Geschichte der drei Menschen, die sich zehn Kekse teilen sollen. Der Investor nimmt sich neun der Kekse und sagt zu seinem Nachbarn, dass dieser aufpassen möge, dass ihm sein Nachbar auf der anderen Seite nicht den Keks wegnimmt.

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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über zwanzigjährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.