„Bin ich zu laut?“

Uwe Hück spricht auf dem Pforzheimer Marktplatz zu 140 Zuhörern.

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Zumindest in Sachen Mut macht Uwe Hück niemand etwas vor. An eine öffentliche Marktplatzkundgebung, der Mutter aller Verlautbarungsformen in der Demokratie, trauen sich in modernen Kommunalwahlkämpfen nur noch wenige Kandidaten heran. Das darf man in der heutigen Welt der Hochglanzbroschüren, Einzelkandidaten-HD-Videos im Kai-Pflaume-Stil und klinisch reinen Social-Media-Kampagnen tatsächlich sehr bedauern. Und doch tigert Uwe Hück kurz vor seinem Einsatz unruhig von Mensch zu Mensch und begrüßt alles und jenen, während SPD-Kreisvorsitzender Christoph Mährlein die Kundgebung einleitet.

So ist es vor allem der Schneid des Mutigen, der so einen Boxring-Kenner wie Uwe Hück auf einen der Betonsteine auf dem Pforzheimer Marktplatz treibt, in der Hand ausschließlich ein Mikrofon, das an einer hoffnungslos übersteuerten Soundanlage hängt. Kein Textmanuskript auf bunt bedruckten Kärtchen, mit denen man die freie Hand zur Vermeidung von Gesten parken könnte. Allen der rund 140 Zuhörern auf dem Marktplatz, darunter gut die Hälfte Parteifreunde und persönliche Wegbegleiter Hücks, ist klar: Jetzt wird gesendet und eigentlich ginge es mit dem Hückschen Sprechorgan auch problemlos ohne Verstärker.

Rund 140 Zuhörer auf der Kundgebung der SPD Pforzheim mit Uwe Hück am 18. Mai 2019

Ein fünfundzwanzigminütiger Ritt durch die Seelenwelt den politischen Kandidaten Uwe Hück folgt. Schnell wird deutlich: Hück bleibt sich treu und kämpft mit den Themen, die ihm auf dem Herzen liegen. Migration, Zukunft der Jugend, Aussehen der Stadt, Verkehrschaos, Sicherheit. Themen, mit denen man sich problemlos um Kopf und Kragen reden kann, wenn man nicht genau weiß, was man da tut.

Einiges von dem, was Hück beschreibt, ist fragwürdig. Beispielsweise dass Pforzheim „seit 2008 kein Verkehrskonzept habe“ und das Ergebnis auf den Straßen zu sehen sei. In den letzten zehn Jahren seien 10.000 Bürger hinzugekommen, pro Jahr also 1.000 Bürger und damit rund „400 bis 500 neue Autos auf Pforzheims Straßen“. Zwar passt der Durchschnittswert, aber im Pforzheimer Straßenverkehr stehen tagsüber derzeit vor allem Auswärtige, wenn die Autobahn dicht ist und zudem wird derzeit der Innenstadtring in einem wichtigen Teilstück saniert.

Ebenso dünn ist das Hücksche Eis bei der Forderung, dass Pforzheim „wieder glänzen“ und als erstes „das Rathaus saubergemacht werden müsse“. Hück: „Ich erwarte, dass alle Gemeinderäte einen Putzlappen nehmen, einen Schrubber nehmen und endlich die Fassade, alles wieder zu Glanz bringen, dass jeder, der hier reinkommt, sagt: Dieses Rathaus ist sauber und anständig!“ Plakative Pausenfüller, die so letztlich jeder sagen könnte, und die nicht ganz ungefährlich sind. An Ansprüchen muss man sich im Zweifelsfall messen lassen und wie geht man damit um, dass im jetzt mutmaßlich „schmutzigen und unanständigen“ Rathaus und Gemeinderat ja auch Sozialdemokraten mitarbeiten?

Wo Uwe Hück punkten kann, ist in seinem nachweislichen Engagement für Pforzheim. Seine „Lernstiftung Hück“ betreue seit 2015 rund 300 Jugendliche, ebenso viele seien im FSV Buckenberg organisiert, dem er, Hück, vorstehe. „Ich bin hergekommen, weil ich gesehen habe, dass die jungen Menschen Perspektive brauchen.“ Auch das stimmt so nicht – er ist schon längst da und kümmert sich da, wo viele nicht mehr hinschauen wollen. Da sei ihm verziehen, dass er sehr sportliche Parolen in den Marktplatz, ja, brüllt, die sich streckenweise anhören wie aus dem Mund eines Boxringansagers: „Ich möchte nicht, dass Pforzheim der Verlierer ist, wir sind heute in Baden-Württemberg auf dem letzten Platz. Ich möchte mit euch auf den ersten Platz. Ich will den Pott holen, ich will den Pott für euch holen!“

Beim Thema Migration ließ Hück eine Breitseite an die AfD vom Stapel. Zwar gelte für alle Menschen in Pforzheim das Grundgesetz, gleichwohl habe „jede Nationalität das Recht, das gleiche zu bekommen, als jede andere.“ Keiner dürfe beschimpft werden wegen seiner Herkunft, wegen seiner Hautfarbe, wie er aussehe. „Da sage ich ganz offen,“ so Hück, „AfD, da wirst du mit mir richtig Ärger kriegen.“ Man kann sich das im Kopfkino sehr gut vorstellen.

Dass Uwe Hück nicht einfach als Karrierist abgeheftet werden kann, der jetzt eben auch mal Politiker sein will, steckt im Satz „Pforzheim ist eine Familie und ich will eine große Familie.“ Das kann man aus dem Mund eines Spitzenpolitikers als eine ganz schlecht ausgeführte Anbiederung an den Wähler missverstehen. Wenn so einer wie Hück das an einem Samstagvormittag auf dem Pforzheimer Marktplatz in ein Mikrofon ruft mit dem Wissen, dass die Kundgebung nur mit 100 Besuchern angemeldet wurde, dann lässt man sich zumindest einmal davon beeindrucken, dass es Leute gibt, die so zu ihrer Stadt stehen. Vielen anderen Kandidaten auf dem Pforzheimer Kommunalwahlzettelungetüm traut man so ein Bekenntnis nicht zu.

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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über zwanzigjährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.