Absagen von Pforzheimer Großveranstaltungen

Verwaltungsstab sagt Großveranstaltung in Pforzheim ab: „Goldstadtfieber“ abgesagt – Automarkt in den Sommer verschoben.

(Lesezeit: 6 Minuten)

Auf der Grundlage der Handlungsempfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI) für Großveranstaltungen und der aktuellen Verordnung des baden-württembergischen Gesundheitsministers sagt die Stadt Pforzheim die erste Großveranstaltung ab, beziehungsweise lässt eine andere verschiebenverschieben. Sogenannte Massenveranstaltungen können dazu beitragen, das Virus schneller zu verbreiten. Der Gesundheitssicherung der Bevölkerung müsse Rechnung getragen werden.

Konkret geht es in Pforzheim um die Veranstaltung „Goldstadtfieber“ am 29. März. Verschoben wird der Automarkt auf einen Sommertermin; am 28. März werden die Autohäuser länger geöffnet haben und spezielle Angebote bereithalten. Ferner wird aktuell mit einer jeweiligen Einzelfallprüfung gearbeitet und in Absprache mit dem Gesundheitsamt fallbezogen entschieden.

„Wir haben uns lange und intensiv mit diesem Thema beschäftigt. Ob Empfehlungen des Robert Koch-Instituts oder die Absagen von Großveranstaltungen durch mehrere Bundesländer, mittlerweile auch Baden-Württemberg – unser erstes Augenmerk gilt der Gesundheit unserer Bürgerinnen und Bürger. Ziel ist es, Infektionsketten zu unterbrechen“, so Oberbürgermeister Peter Boch.

„Diese Entscheidung ist uns wahrlich nicht leicht gefallen, doch sehen wir aufgrund der Dynamik, mit der sich das neuartige Corona-Virus aktuell verbreitet, zu einer Absage unseres Aktions- und Erlebnistages „Goldstadtfieber“ keine Alternative“. Mit diesen Worten informierte Oliver Reitz, Direktor des Eigenbetriebs Wirtschaft und Stadtmarketing Pforzheim (WSP) am Mittwochmorgen die Akteure des innerstädtischen Einzelhandels. Nach der Einschätzung des RKI kann es auf Messen, Kongressen oder größeren Veranstaltungen unter ungünstigen Bedingungen zu einer Übertragung auf viele Personen kommen. Die Empfehlung des Verwaltungsstabes lautet dabei ohnehin: Wenn Sie Symptome zeigen, wenn Sie zu einer der Risikogruppen gehören – dann bleiben Sie bitte Zuhause.

Reitz erinnert daran, dass sich in den vergangenen Jahren an guten Tagen über 20.000 Besucher anlässlich des Goldstadtfiebers in der City aufgehalten haben. „Allein aufgrund solch hoher Besucherzahlen, die sich in der gegenwärtigen Situation leider als nachteilig erweisen, liegt es in der gesellschaftlichen Verantwortung des städtischen Eigenbetriebs WSP, an der für den 29. März geplanten Großveranstaltung nicht festzuhalten“, erklärt Reitz.

Mit der am Dienstagnachmittag vom Sozialministerium angekündigten Verordnung, landesweit Veranstaltungen mit über 1000 Besuchern zu untersagen, sei nunmehr klar, dass das „Goldstadtfieber“ abgesagt werden müsse, wozu auch das örtliche Gesundheitsamt geraten habe.

Neues Konzept im Herbst

„Auch wenn aufgrund der Corona-Epidemie der eine oder andere Besucher ohnehin von sich aus zurückbleibt, ist erfahrungsgemäß mit Menschenansammlungen auf recht engem Raum zu rechnen“, gibt Reitz zu Bedenken. Mit dem erst vor wenigen Tagen vorgestellten neuen Konzept des Goldstadtfiebers, das zahlreiche sehenswerte Fotoaufnahmen in das Blickfeld der Besucher rücke, habe der WSP zwar bewusst eine räumlich dezentrale Ausrichtung des Aktionstages herbeiführen wollen, doch müsse man bei den rund 100 ins Auge gefassten Standorten der ausgestellten Fotos mit einer recht dichten Ansammlung von Betrachtern rechnen. „Auch die Musikbühne am Leopoldplatz hätte eine Magnetwirkung, die eine weitere Virus-Ausbreitung grundsätzlich befördern könnte“, befürchtet der WSP-Direktor.

Bei Gesprächen mit Mitgliedern des Arbeitskreises Einzelhandel hat Reitz am Montag und Dienstag ein Stimmungsbild eingeholt und „durchaus großes Verständnis für die Interessen des Handels, für den der verkaufsoffene Sonntag in aller Regel ein Garant für hohe Umsätze darstellt“. Doch sei auch dem Handel bewusst, dass eine Entscheidung nicht weiter aufgeschoben werden könne – auch um weitere Kosten im Vorfeld der Veranstaltung zu vermeiden. Wirklich absehen, wie die Situation Ende des Monats sei, könne mit dem heutigen Kenntnisstand niemand.

Reitz möchte nun prüfen, ob das „Goldstadtfieber“ am 11. Oktober 2020 mit der bereits verkündeten inhaltlichen Neuausrichtung stattfinden kann und dann das „Pforzheimer Wirtschaftswunder“ an diesem Termin ersetzt. Bereits vor drei Wochen wurde bekannt, dass das Wirtschaftswunder ab 2021 auf den Frühjahrstermin rückt (25.04.) und das Goldstadtfieber künftig ohnehin im „goldenen Oktober“ stattfinden wird.

Der Verwaltungsstab hat es sich nicht leicht gemacht. In vielen Stunden wurde das Für und Wider sehr sorgfältig abgewogen. Auch das Verbot von Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern durch Gesundheitsminister Manne Lucha ist in der Entscheidung berücksichtigt. Am Ende scheint das Risiko bei der einen oder anderen Großveranstaltung als zu groß: „Wir sagen diese Veranstaltungen nicht leichten Herzens ab. Gleichzeitig wollen wir damit aber auch ein Zeichen in Richtung der privaten Veranstalter aussenden, die entsprechend den Richtlinien des Robert Koch-Instituts noch einmal sehr gewissenhaft über ihre Veranstaltungsangebote nachdenken sollten“, so Wolfgang Raff, Leiter des Verwaltungsstabs.

Es sind vor allen Dingen folgende Kriterien, die bei der Entscheidung der Veranstalter berücksichtigt werden müssen:

Eher risikogeneigte Zusammensetzung der Teilnehmer

  • Kommt eine größere Anzahl von Menschen zusammen, hohe Dichte?
  • Nehmen Menschen aus Regionen mit gehäuftem Auftreten von COVID-19-Fällenteil?
  • Nehmen Menschen aus anderen bekannten Risikogebieten teil?
  • Nehmen Menschen mit akuten respiratorischen Symptomen teil?
  • Nehmen ältere Menschen bzw. Menschen mit Grunderkrankungen teil?

Eher risikogeneigte Art der Veranstaltung

  • Hohe Anzahl und Intensität der Kontaktmöglichkeiten?
  • Enge Interaktion zwischen den Teilnehmenden (z.B. Tanzen)?
  • Lange Dauer der Veranstaltungen?
  • Keine zentrale Registrierung der Teilnehmenden

Eher risikogeneigter Ort der Veranstaltung und Durchführung

  • Sind bereits Infektionen in der Region der Veranstaltung aufgetreten?
  • Gegebenheiten der Örtlichkeit: Indoor-Veranstaltungen, begrenzte Räumlichkeiten, schlechte Belüftung der Räume?
  • Begrenzte Möglichkeiten/Angebote zur ausreichenden Händehygiene
  • Bereitschaft des Veranstalters zur Kooperation und Umsetzung von Maßnahmen.
Über Besim Karadeniz 1540 Artikel
Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über zwanzigjährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.