„Diplomatie ist dafür da, auch in unmöglicher Situation das Gespräch zu suchen“

Rektor Prof. Dr. Ulrich Jautz (links) freut sich zusammen mit den Organisatorinnen Prof. Dr. Christa Wehner (2.v.l.) und Prof. Dr. Frauke Sander (rechts) über den sehr gut besuchten Vortrag des ehemaligen Botschafters in Moskau Rüdiger von Fritsch (Foto: Hochschule Pforzheim/Axel Grehl)

Großes Interesse am Studium-Generale-Vortrag von Rüdiger von Fritsch an der Hochschule Pforzheim.

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„Wenn wir versuchen wollen zu verstehen, warum dieser Krieg begonnen hat, müssen wir uns mit Wladimir Putin beschäftigen und den Motiven, die ihn leiten“. Als Rüdiger von Fritsch, ehemaliger Deutscher Botschafter in Moskau, diesen Satz sagt, sitzen mehr als 400 Zuhörer im Audimax der Hochschule Pforzheim längst wie gebannt auf ihren Plätzen und lauschen seinen Ausführungen. Und nicht nur dort. Wegen des großen Andrangs öffnete die Hochschule kurzerhand zwei weitere Hörsäle für eine Übertragung. Weitere rund 200 Zuschauer verfolgten via YouTube-Livestream am Abend und am folgenden Tag die Analyse des Ex-Diplomaten. Denn die hatte es in sich: Seinen Vortrag „Zeitenwende. Putins Krieg und die Folgen“ hielt Rüdiger von Fritsch in freier Rede und in brillanter, dabei gut verständlicher Sprache. Drei Fragen stellte der Diplomat a.D. ins Zentrum seines Vortrags: „Wie sind wir da hineingeraten?“, „Wo stehen wir jetzt und wie könnte der Krieg enden?“ sowie „Was werden mögliche Folgen sein?“

„Wie sind wir da hineingeraten?“

Während seiner Amtszeit als Botschafter in Moskau zwischen 2014 und 2019 hatte Rüdiger von Fritsch mehrere Begegnungen mit Wladimir Putin. Nicht nur in diesen sammelte er umfangreiche Erfahrungen mit dem Machtsystem Kreml und erläutert den Besucherinnen und Besuchern die Hintergründe des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine. Während im Westen der Zerfall der Sowjetunion 1992 als Glücksfall empfunden wurde, war es für Russland und speziell Putin die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts: „Wir, der Westen, haben die letzten 30 Jahre ganz anders erlebt als die Menschen in Russland“, so von Fritsch und erklärt weiter: „Völker dürfen ihren Weg selbst bestimmen […] auch einige, die früher dem sowjetischen Machtbereich angehörten.“

Mit Polen, Usbekistan sowie dem südlichen Kaukasus führte er nur einige Beispiele dafür an, um schließlich im von den Russen als zu Russland gehörendend empfundenen Kern, Belarus und der Ukraine, anzukommen. Russland sei ein Land, das sich in seiner Machtposition stark zurückgesetzt fühle. Das damit verbundene Trauma sowie das Denken in Verschwörungen des ehemaligen russischen Geheimdienstoffiziers Putins, seien nur einige Gründe, die zur Eskalation beigetragen hätten. „Das größte Land der Erde nimmt sich ständig das Recht heraus, besonders beleidigt zu sein – was ziemlich anstrengend für die internationale Politik ist“, betont der Experte.

„Wo stehen wir jetzt und wie könnte der Krieg enden?“

Rüdiger von Fritsch sieht in den Fehleinschätzungen Putins eine Konstante. Nicht nur in Bezug auf die Leistungsfähigkeit seiner Streitkräfte, ebenso in der Haltung der Ukrainerinnen und Ukrainer und der Reaktion des Westens habe er sich verschätzt: „Putin kämpft in der Ukraine um sein eigenes Überleben. Denn wer alleine entscheidet, einen Krieg anzufangen, darf nicht mit schlechten Ergebnissen, mit faulen Kompromissen, nach Hause kommen. Er muss diesen Krieg aus seiner Sicht irgendwie gewinnen – das macht diesen Konflikt so schwer lösbar.“

Wie er trotzdem enden könnte, skizzierte der international exzellent vernetzte Diplomat in verschiedenen Szenarien und schätzte ihre Wahrscheinlichkeit ein. Für nicht sehr wahrscheinlich hält von Fritsch die Kapitulation Russlands oder einen klaren Sieg eines der beiden Länder. Wenig vorstellbar sei, dass der Westen seine Unterstützung einstelle – zumindest aktuell – dies könnte sich allerdings mit der bevorstehenden Wahl in den USA ändern, sollten Trump oder DeSantis das Rennen dort machen. Einen Weg sieht von Fritsch in einem Waffenstillstand auf der Grundlage von Sicherheitsgarantien. „Indem wir versuchen einen Rahmen zu schaffen, der eine Perspektive für Sicherheit für alle gibt, ohne irgendwelche Eingeständnisse, könnte für Russland eine Situation entstehen, in der selbst die jetzige Führung bereit wäre, sich darauf einzulassen“, sagt von Fritsch.

Mögliche Folgen des Krieges

„Insgesamt sollten wir diesen Krieg sehen wie einen grellen Blitz, der eine geopolitische Landschaft beleuchtet, die aber schon länger im Umbruch ist“, so der Diplomat. Eine Neuorientierung und Neuausrichtung sei notwendig, denn die NATO sei zwar „ein fantastisches Bündnis“ aber „wir Europäer müssen uns darauf vorbereiten, unser Geschick selbst in die Hand zu nehmen“, mahnt er. Was bisher fehlt, sei eine gemeinschaftliche Handlungsfähigkeit im Bereich unserer Sicherheitspolitik. Er zieht daraus folgenden Schluss für die Zukunft: Verwundbarkeiten stärker definieren und Abhängigkeiten minimieren. In jedem Fall gilt: „Wir brauchen das, was man multilaterales Handeln nennt.“

Eine Frage steht am Schluss im Raum: Kann Russland überhaupt Demokratie? „Dazu habe ich mich mit Gorbatschow unterhalten. Er sagte: ‚Nur der Westen glaubt, Russland wäre nicht fähig zur Demokratie’“, zitiert der ehemalige Botschafter das Gespräch mit dem letzten Staatspräsidenten der Sowjetunion und endet mit den Worten: „Lassen Sie uns nicht die Zuversicht verlieren, vielen Dank!“.

Quelle(n): pm

Besim Karadeniz
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