Den Mutigen gehört die Kulturhauptstadt, oder?

Zugegeben: Als die ersten Diskussionen für eine mögliche Bewerbung Pforzheims als Kulturhauptstadt Europas für das Jahr 2025 an den Tag kamen, war das für mich so eine Art „WZT-Moment“ … „was zum Teufel …?“ Aber beim ersten Blick soll man es bekanntlicherweise belassen, wenn es noch gar keinen zweiten Blick gibt, denn es ist unbestritten, dass viele erfolgreiche Projekte aus kühnen Ideen entstanden sind. Eine Sichtweise, für die schon gehörige Selbstdisziplin gefragt ist.

Andererseits: Es gehört eine Menge Schneid dazu, die Diskussion um eine erwartbar teure Bewerbung zur Kulturhauptstadt weitgehend fernab von der Bevölkerung zu führen. Und das in einer Zeit, in der weder klar ist, wie in einem Jahr die Bäderlandschaft in Pforzheim aussieht, noch wie der Haushalt mittelfristig stabilisiert werden kann, es in zwei Monaten keine Bürgermeisterin mehr für Soziales und Sport gibt und welcher Bürgermeister eigentlich das Finanzressort sachkundig betreuen kann, wenn spätestens Mitte des Jahres der Entwurf für den Doppelhaushalt 2019/20 eingebracht werden muss. Schon jetzt hört man an vielen Stellen bei Institutionen, Vereinen und Kulturträgern die Sorge darüber, welche Einschnitte wie genau weh tun könnten. Man muss nur deutlich hinhören.

Die Gefahr einer Diskussion im Elfenbeinturm

Eines sollte im Rathaus unbedingt klar sein: Stadtgesellschaftliche Diskussionen, die in der Vergangenheit üblicherweise in den Medien ausführlich und fachkundig mit Vorstellungen, Pro und Contras und Leserbriefen geführt wurden, erreichen heute nur noch einen Teil der Gesellschaft, weil viele Menschen und ganze Gesellschaftsschichten schlicht keine Lokalzeitung mehr lesen. Viele Menschen haben sich vollständig entkoppelt von ihrer Stadtgesellschaft, den bürgerschaftlichen Möglichkeiten und auch Verantwortungen. Die kommunalen Wahlen der letzten Jahre mit den dramatisch niedrigen Wahlbeteiligungen und der erschreckenden Unlust vieler Wähler, sich mit der Politik und Zukunft ihrer Stadt zu beschäftigen, sind gefährliche Warnsignale.

Warnsignale, die gerade bei solchen Diskussionen um eine Bewerbung als Kulturhauptstadt zu berücksichtigen wären und eigentlich von vorneherein zur Haltung Aller führen sollte, von Anfang an sehr transparent mit den Chancen, Anforderungen und letztlich auch mit den Kosten an die Öffentlichkeit zu gehen.

Zu sehen davon: Wenig. Auf der Seite der Stadt findet sich lediglich ein Artikel von Oberbürgermeister Peter Boch, der sich datiert zum 26. Oktober 2017 „im Rathaus detailliert über die Modalitäten informiert habe, die bei einer solchen Bewerbung notwendig wären“. Und auch im Bürgerinformationssystem des Gemeinderates findet sich als substantielles Suchergebniss zum Begriff „Kulturhauptstadt“ weitgehend nur der initiale Antrag der Grünen Liste.

Dass dann doch bei vielen Bürgern Diskussionsbedarf herrscht, sieht man dann eindrucksvoll bei einer Reihe von Kräften – auch aus Gruppierungen im Gemeinderat – die exakt diese Lücke im Web kräftig bespielen. Ein Blick in einschlägige und von Institutionen unabhängige Gruppen in Facebook zeigt sehr anschaulich, wie gezielt für den vermeintlich denkenden Bauch Diskussionen selbst um so nachvollziehbare Projekte wie die Innenstadtentwicklung Ost geführt werden und da vor allem mit Ängsten argumentiert wird. Kein echtes Zitat, aber sinnbildlich für viele unterirdische Argumentationslinien im Web: „Innenstadt Ost? Könnte gut sein, zu einem großen Teil sogar von Bund und Land gefördert werden und vielleicht braucht das Pforzheim ja auch dringend, ABER SIE REISSEN UNSER SCHÖNES TECHNISCHES RATHAUS AB!!!“

Die ewige Angst des Bürgers, von „den“ Politikern (die er ja selbst wählt) nicht verstanden zu werden und die dann vermeintlich doch nur das tun, was sie wollten, ist immer noch in den allermeisten Fällen widerlegbar, aber das Tempo der Einschläge und vor allem das Multiplikationspotential ist um ein Vielfaches gestiegen. Was daher „oben“ in Rathaus, Kulturrat, Hochschule und IHK mit höchstwahrscheinlich seriösen Diskussionen um Fördergelder, Sponsorenmodellen und staatlichen Zuschüssen begonnen wird, landet „unten“ in den hitzigen, unmoderierten Gruppen in Social Networks ganz schnell nur noch bei wilden Zahlen, denen jegliche tragfähige Grundlage und vor allem eine seriöse Analyse über Sinn und Zweck fehlt.

Wenn bei solchen Großprojekten die Stadt und Politik schon von Anfang an das Heft über die Hoheit der vertrauenswürdigen Präsentation wegnehmen lässt, ist das Kind schon längst im Begriff, in den Brunnen zu fallen. Denn wie sich Investitionsbeträge für eine Kulturhauptstadtsbewerbung am Ende zusammensetzen sollen und die Stadt möglicherweise nur einen Bruchteil dieses Geldes selbst tragen müsste, ist dann nicht mehr von Belang, weil sich kein Verantwortlicher mehr freiwillig gegen die Welle der Entrüstung stellen mag, die sich bis dahin über Monate hinweg bilden konnte.

Vertane Chancen, so oder so.

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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über zwanzigjährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.

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