Häuser von der Stange – Andreas Sarow produziert wieder Bilder und Gedanken

 Der Pforzheimer Künstler Andreas Sarow wählt mit Bedacht Unorte unserer Zeit und fordert damit den Betrachter seiner raumgreifenden, temporären Installationen zum Nachdenken auf. Nach dem  großen Erfolg von „Das bedrohte Haus“ im März/April 2018 legt er jetzt im Gleisdreieck westlich des Pforzheimer Hauptbahnhofs  zwischen der Kulturbahnstrecke und der Verbindung Karlsruhe – Stuttgart noch einmal nach: „Factory“ hat er die Intervention betitelt, für die er das zweigliedrige ehemalige Abfertigungsgebäude der Deutschen Bundesbahn, um ein weiteres Glied ergänzt und das neue Ensemble farbig verfremdet hat.

Der Unort wird damit bis voraussichtlich Ende 2018 zum Treffpunkt – ein Hingucker sowohl von der Bahn- wie der Straßenseite, der auf mehrfache Weise nachdenklich macht.

Nicht nur, dass scheinbar das Bestandsgebäude Häuser „von der Stange“ auszuspucken scheint– darüber hinaus dient die von Sarow aufgestellte Abschneidvorrichtung der Normierung des Hauses, sowohl, was seine Uniformität, als auch seine Dimensionen betrifft. Die logische Fortentwicklung der Fertighaus-Angebote könnte in einer solch simplen, standardisierten

Hausproduktion aus der Fabrik stammen, ausgestattet mit der kompletten Technik, einfach installierbar für Jedermann, mitnehmbar an den nächsten Wirkungsort unseres modernen Nomadentums – damit kann Sarows Arbeit als architektonische Antwort auf die „Simplify your life“-Bewegung und auf die explodierenden Wohnungspreise gelesen werden.

Die im Bestand befindliche Rauminstallation „Zurück an die Zeichentische“ lenkt den Blick derweil auf die aktuelle entwerferische Misere und lädt dazu ein, sich mit der Stadt an sich, mit den darin befindlichen Bauformen auseinanderzusetzen und neu zu denken. Vernichtet die Schablonen, um zu neuen Architekturformen zu kommen, scheinen Mies van der Rohe und Gropius den Entwerfern heute zuzurufen vor dem Hintergrund zahlreicher Bauverordnungen, die Innovationen im Wohnungsbau schier unmöglich machen.

Oder ist es doch ganz anders? Schließlich erinnern wir 2018 auch an das Ende des Ersten Weltkriegs mit all‘ seinen Grausamkeiten, nachdem 2015 bereits dem Ende des Zweiten Weltkriegs gedacht worden war. Und die zusätzlichen Wachtürme an den Gleisen, die Fahnen in Schwarz-Weiß-Magenta, die an eine überdimensionierte Guillotine erinnernde Abschneidvorrichtung legen gänzlich andere Interpretationsansätze nah, die vor dem Hintergrund der Zunahme antisemitisch motivierter Gewalttaten ebenso zeitaktuell sind, wie die haus-und wohn- immanenten Überlegungen, die angesichts von Sarows „Factory“ angestellt werden können.

Innerhalb des Zeitraums, in dem die Intervention von Andreas Sarow zu sehen ist, soll sie zudem als Plattform für weitere künstlerische Interventionen Anwendung finden und damit immer wieder neu erlebt werden können. Entsprechende Gespräche hierzu laufen bereits.

Die Eröffnung findet am 18. Mai 2018 von 19 bis 23 Uhr in der Unteren Wilferdinger Straße 3 statt. Zur Vernissage wird Oberbürgermeister Peter Boch erwartet, DJ Eros Bilgic legt auf.

Über Björn Fix 100 Artikel
Björn Fix, Jahrgang 1970, passionierter Fotoreporter und ständiger Mitarbeiter bei PF-BITS seit der ersten Stunde. Als gut informierter, zuverlässiger und gern gesehener Zuschauer und Beobachter ist er vor allem zuständig für aktuelle und "fixe" Berichterstattungen aus der Region. Als "Embedded Journalist" arbeitet er bei Bedarf vollkommen mobil aus der tiefsten Provinz heraus.