Die Fußgängerzone gehört den Fußgängern

Innenstadtbelebung durch mehr Autoverkehr? Was sich verrückt anhört, kann es auch nur sein.

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Immer wieder einmal poppt sie hoch, die Diskussion darüber, ob die Pforzheimer Fußgängerzone zu groß sei und zugunsten des Autoverkehrs wieder verkleinert werden müsse, um damit vermeintlich die Innenstadtattraktivität zu steigern. Das hört sich in einer Zeit, in der viele Kommunen händeringend nach Möglichkeiten suchen, den überbordenden Autoverkehr aus der Innenstadt zu bekommen, nicht nur anachronistisch an, sondern ist es auch.

Was war die Westliche ohne die Fußgängerzone?

Kurze Antwort: Ein lautes und stinkendes Chaos. War es in den 1960ern auf Postkartenmotiven (die man passenderweise immer sonntags macht, um nicht so viele Autos abzubilden) fast noch beschaulich, war es in den 1970er und erst recht in den 1980er Jahren schlimm. Aus den Kaufhäusern und Geschäften zu kommen und zwei Meter vor der Nase von einem mit 50 km/h vorbeifahrenden LKW begrüßt zu werden, entsetzt jeden, der in anderen Ländern solche Dinge noch live erleben kann.

Und auch der Leopoldplatz… pardon… der war früher unerträglich und eine vierspurige Autobahn durch die Innenstadt und an ein Überqueren außerhalb des Überwegs in der Mitte des Platzes war gar nicht zu denken. Was dann aber trotzdem immer wieder Menschen machten, die noch einen Bus erwischen wollten und dann immer wieder selbst erwischt wurden, nämlich vom Durchgangsverkehr.

Wer die Bahnhofstraße und die Leopoldstraße wieder öffnet, zerstört die Innenstadt

Man kann es nicht anders sagen. Denn die Verkehrsachse Bahnhofstraße/Leopoldstraße führt direkt in der Mitte durch die Innenstadt und trennt damit die Marktplatz-Fußgängerzone vom Leopoldplatz ab. Die älteren Mitbürger werden den Krampf noch kennen, von der Fußgängerzone die Bahnhofstraße überqueren zu müssen, um zu den früheren Kaufhäusern Kaufhalle, Schneider/Breuninger, Woolworth zu kommen am Leopoldplatz zu kommen. Noch ein paar Jahre früher, als der Leopoldplatz ebenfalls noch Durchgangsstraße war, war das innerstädtische Chaos schon damals sehr anschaulich zu den Hauptverkehrszeiten zu sehen.

Niemand will das wirklich wieder haben wollen, schon gar nicht mit den rund 25 % mehr Autos, die im Gegensatz zu früher auf den Straßen rollen. Wer die Fußgängerzone den Fußgängern wegnimmt, bekommt keine Fußgänger mehr. So einfach ist das. Niemand käme in Karlsruhe oder Stuttgart im Entferntesten auf die Idee, die Fußgängerzonen zu verkleinern.

Innenstadtattraktivität hat nichts mit Autos zu tun

Dass die Attraktivität der Innenstadt in den vergangenen Jahren schwer gelitten hat, kann man nicht schönreden. Es hat aber dennoch wenig mit dem wegbleibenden Durchgangsverkehr zu tun. Denn der Durchgangsverkehr tat genau das: durchgehen. An ein Parken am Straßenrand war in der Westlichen schon lange nicht mehr zu denken und auch in der Bahnhofstraße waren Parkplätze am Straßenrand mehr als rar. Nach heutigen Maßstäben kaum mehr als ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Dass der Einzelhandel immer weiter zurückgeht, ist freilich auch kein reines „Pforzheim-Problem“, sondern selbst in Karlsruhe oder Stuttgart ein bedeutsames Problem. Was sich da in den dortigen Fußgängerzonen und Einkaufszentren ballt, sind vor allem große Handelsketten. Die Gründe für das Eingehen des Einzelhandels sind auch im Online-Handel zu suchen, aber es begann schon mit der Etablierung der großen Kaufhäuser.

Die Antwort kann daher nicht sein, einfach den alten Zeiten nachzuweinen und zu schauen, was am Ende passiert, wenn die Rahmenumstände wieder so schlimm würden, wie früher. Sondern die Antwort muss sein, andere Möglichkeiten der Innenstadtattraktivität zu suchen, zu finden und auch anzuwenden. Und da gibt es schon eine Reihe von Ansätzen, die schon jetzt zu eindrücklichen Ergebnissen führen.

Zwei wichtige Bausteine sind der geglückte Umbau der Fußgängerzone und feste Regeln für Außenbewirtschaftungen. Ein deutlich hellerer Straßenraum ist das Ergebnis, weitgehend ohne Barrieren und vor allem mit einladendem Raum für Außenbewirtschaftungen. Denn: Gaststätten, Eisdielen und Cafés sind die Magnete, die abends eine Fußgängerzone am Leben halten können. So Restaurants wie die L’Osteria, das Neo-Restaurant oder das Steakhaus Vay Vay zeigen das sehr anschaulich mit erstaunlich jungem Publikum.

Weitere Ideen gäbe es viele: Eine Art „Guten-Abend-Ticket“ im öffentlichen Nahverkehr für zwei Personen ab 18 Uhr? Die Möglichkeit, ein solches Ticket oder auch ein Parkticket bei einem Gastronomen vergütet zu bekommen? Ein funktionierendes, händlerübergreifendes und am besten auch ein wirklich funktionierendes Coupon-System? Möglichkeiten zum sicheren Abstellen und zum Laden der neuerdings straßenbevölkernden E-Scootern?

Man könnte, wenn man wollte. Aber wenn man will, dann bitteschön in die Zukunft blickend, nicht zurück in eine buchstäblich graue und staubige Vergangenheit.

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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über zwanzigjährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.