Die Nähmaschine rattert bis die Nadel glüht

Gabi Amanuel näht Mund-Nase-Masken.

Derzeit sieht man sie immer häufiger: Menschen, die mit einer Maske über Mund und Nase unterwegs sind. Nur was keiner geahnte hätte, dass diese Cent-Produkte einmal zur Mangelware werden könnten.

(Lesezeit: 4 Minuten)

Die Nähmaschine tackert mit kurzen Abständen in einem monotonen Rhytmus, gekonnt lässt Gabi Amanuel den Stoff unter der Nähmaschine hindurchrattern. Innerhalb einer Woche hat sich ihr Wohnzimmer in ein Nähstudio umgewandelt, auf dem Sofa ihrer gemütlichen Wohnung in Brötzingen stapeln sich unzählige verschiedene bunte Reststoffe, die irgendwann mal übrig waren, Gummibänder liegen in vorgeschnittener Länge bereit.

Seit Tagen hat die Betreiberin eines Nähcafes Stillstand in ihrem Laden an der Zerrennerstraße, Nähkurse für die Volkshochschule oder den Stadtjugendring sind abgesagt und dürfen nicht stattfinden. In einer Facebook-Gruppe hat sie dann mitbekommen, dass es im Pflegebereich durch die Coronakrise Lieferschwierigkeiten von Einweg-Mundschutzen gibt. Eine behelfsmäßige Mundmaske aus Baumwollstoff herzustellen ist einfach erledigt, wenn man im Umgang mit der Nähmaschine geübt ist. Durch mehrfaches Falten des Stoffes und seitliches Einlegen der Gummibänder kann mit wenigen Handgriffen ein sinnvoller Schutz vor einer Tröpfcheninfektion jeglicher Art hergestellt werden. Zusätzlich kann in die so entstandene Stofftasche ein weiterer Filter eingelegt werden, der beispielsweise aus einem handelsüblichen Kaffeefilter oder einem Vliesstoff bestehen kann.

Arbeiten trotz Geschäftsschließung

Ohne langes Überlegen hat sie sich angeboten, diesem Engpass entgegenzuwirken und ihr Schneidertalent der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Einfache Schnittmuster waren im Internet vorhanden und wurden im sozialen Netzwerk geteilt, Baumwollstoff hatte sie genug in ihrem Laden und Zeit war durch die Geschäftsschließung sowieso vorhanden.

Es dauerte nicht lange, bis Anfragen und Bestellungen aus ganz Deutschland bei ihr eingingen, sie setzte sich an ihre Nähmaschine und vernähte ihre Baumwollstoffe, bis sprichwörtlich die Nadel glühte. In wenigen Tagen produzierte sie so Hunderte von den begehrten Mundschutzen in bunten Farben und verschickte diese auf eigene Kosten mit der Post durch das ganze Bundesgebiet.

Bei einem Fachgeschäft konnte sie noch Restbestände von Gummibändern bekommen, stellte aber schnell fest, dass es hier zu einem Engpass kommen könnte. Über einen Aufruf in den sozialen Medien wurde nach Gummiband-Resten gesucht und innerhalb eines Tages wurden durch mehrere Personen die begehrten Mundmasken-Halterungen gespendet.

Hilfe aus dem Freundeskreis

In der Zwischenzeit haben sich ein paar Freiwillige aus dem Freundeskreis der fleißigen Näherin bereiterklärt, sie bei ihrem sozialen Projekt zu unterstützen. „Wir haben einen Mann in der Runde, der gerne mithelfen möchte, aber nach eigenen Angaben zwei linke Hände hat für die Nähmaschine, also darf er die Rohlinge und Gummis in die richtige Größe vorschneiden,“ so die fingerfertige Näherin. Die Verteilung an Seniorenheime, Krankenhäuser und bedürftige Personen aus den Risikogruppen läuft ebenfalls durch das private Netzwerk.

Anfangs hat sie ihre selbstgenähten Hilfsmittel an Pflegepersonal und soziale Einrichtungen kostenlos abgegeben, in der Zwischenzeit bittet sie private Personen um eine symbolische Spende von fünf Euro pro Stück, welche sie direkt an das Kinderhospiz Sterneninsel weitergibt. „Ich will kein Geld für meine Arbeit, ich bin gesund und freue mich, wenn ich jemanden unterstützen kann“.

Über Björn Fix 224 Artikel
Björn Fix (bf), Jahrgang 1970, passionierter Fotoreporter und ständiger Mitarbeiter bei PF-BITS seit der ersten Stunde. Als gut informierter, zuverlässiger und gern gesehener Zuschauer und Beobachter ist er vor allem zuständig für aktuelle und "fixe" Berichterstattungen aus der Region.