Vom Oberbürgermeister zum Obershowmaster

Oberbürgermeister Peter Boch in der "Late-Night-Show" zu den Smart City Days 2020

Muss man als Oberbürgermeister eine eigene "Late-Night-Show" produzieren und Harald-Schmidt-Sketche nachmachen?

(Lesezeit: 4 Minuten)

Der Pforzheimer Gemeinderat gibt ja schon einige interessante Berufsbilder her: Ein Schlagersänger, ein Künstler, ein Thaiboxer. Und nun kommt seit heute auch noch ein „Showmaster“ einer „Late-Night-Show“ dazu, immerhin mit dem Oberbürgermeister Peter Boch persönlich. Vielleicht ist in Pforzheim doch nicht alles so schlecht, wenn beim Bohren von dicken, politischen Brettern noch so viel Zeit für Unterhaltung bleibt.

Im Rahmen der „Smart City Days“, einer weitgehend von Breitenpublikum freien Veranstaltungsserie zu einem der Lieblingsthemen des Oberbürgermeisters, ist ein Livestream-Format mit fachkundigen Inhalten sicher eine interessante Möglichkeit, Ideen und Konzepte buchstäblich in die Wohnhäuser zu senden.

Ob es da aber gleich eine „Late-Night-Show“ sein muss? Einem Programmformat, das von Hause aus eher wenig mit der Vermittlung von seriöser Information zu tun hat, sondern beim Fernsehzuschauer vor allem als „Tages-Rausschmeißer“ verstanden wird? Kann man medienwissenschaftlich betrachtet differenzierter Meinung sein, aber mit dem Merksatz, dass der klassische Late-Night-Zuschauer vor allem glücklich einschlafen will, ist man nicht sehr weit entfernt von der Realität.

Da kann man natürlich darüber lachen. Das muss man allerdings keinesfalls in einer Stadt, die gleich ganze Paletten an zu bewältigenden Problemstellungen hat. Allen voran das Verdauen einer immer noch spitzenmäßigen Arbeitslosenquote, fehlenden Gewerbegebieten, nur noch zwei kleinen Hallenbädern, immer noch viel zu wenigen Kita-Plätzen, einer desolaten Verkehrssituation. Probleme, die nicht mit schicken Apps, freiem WLAN, Sensoren in Parkflächen und tollen Livestream-Shows gelöst werden können.

Und es muss wirklich nicht sein, dass sich Peter Boch an einem legendären Harald-Schmidt-Gag probiert, den man schlicht nicht gut machen kann, weil der Gag keinen witzigen Hintergrund hat. Ein schmerzhafter Ausschnitt:

Zur Einordnung: Harald Schmidt zeichnet sich dadurch aus, dass seine Sketche vor allem viel mit der kontrollierten Verachtung seines Publikums zu tun haben. Das „Ja“ zu „deutschem Wasser“ hat nichts damit zu tun, dass Schmidt irgendeine persönliche Bindung zu deutschem Wasser hätte, sondern er macht sich schlicht lustig über die Menschen, denen es in irgendeiner Form tatsächlich wichtig ist, ob ihr Wasser deutsch, italienisch, australisch, französisch oder britisch ist.

Philosophisch betrachtet ist da die Feststellung Bochs, dass er diesen Sketch schon immer mal machen wollte, ein fatales Statement und eine komplette Freigabe des Willens, ernstgenommen zu werden. Mit welcher Begründung kann ein Politiker erwarten, ernstgenommen zu werden, wenn er schon immer einmal sein Publikum so verachten will, wie Harald Schmidt es tut? Muss man es wirklich der Öffentlichkeit antun, vom Oberbürgermeister zum „Obershowmaster“ zu wechseln, außerhalb der Karnevalszeit?

So ist Bochs Versuch einer Gute-Laune-Sendung zu einem seiner Lieblingsthemen eine Angelegenheit, die einem spätestens dann im Halse steckenbleibt, wenn man sich ganz hinten im Gedächtnis daran erinnert, dass Boch eben nicht als Late-Night-Talker gewählt wurde und bezahlt wird, sondern als Oberbürgermeister einer 135.000-Einwohner-Stadt mit einer eindrucksvollen Liste von anzupackenden Problemen, die allesamt nicht ansatzweise witzig sind.

Und einer Stadt, die, so wie viele andere Städte auch, aktuell ein immer bedenklicheres Corona-Infektionsgeschehen aufweist, das in der jetzigen Entwicklung in wenigen Tagen zum Erreichen der Warnstufen führen dürfte. Die dann nach aktueller Corona-Verordnung empfindliche Einschränkungen im öffentlichen Leben zur Folge haben werden. Kinobetreiber, Theater, Cafés, Restaurants, Bars, die ironischerweise ebenfalls Wasser ausschenken, würden dann vermutlich auch liebend gern Ja zu deutschem Wasser sagen und spätestens da wäre dann ein Oberbürgermeister gefragt, der dem Amt als Oberbürgermeister würdig ist und nicht als Showmaster.

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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über 25-jährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.