Alles ruhig auf den Intensivstationen? (Nein.)

Intensivpflege (Symbolbild) Foto: Olga Kononenko via Unsplash.com

Die Auslastung auf den Intensivstationen ist schon jetzt dramatisch - auch in Pforzheim. Wir erläutern etwas die Lage.

(Lesezeit: 8 Minuten)

Neben vielen statistischen Zahlen, die rund um die Corona-Pandemie veröffentlicht werden und die wir sammeln, um sie grafisch aufzuarbeiten, gibt es auch einige Zahlen, die nicht so publikumswirksam jeden Tag in großen Buchstaben auf den Nachrichten-Websites veröffentlich werden. Ein solcher Datensatz ist die Auslastung der Intensivstationen, die über das DIVI-Intensivregister tagesaktuell veröffentlicht werden. Und die haben es in der Corona-Pandemie in sich. Mutmaßlich schon in der ersten Welle, nachweislich in der zweiten und jetzt auch in der dritten Welle. Denn das Intensivpflegesystem ist zwar vor allem in Deutschland sehr leistungsfähig, allerdings auch fragil.

Der Zusammenhang zwischen Infektionen und Krankenhauseinweisungen

Grob gesagt lässt sich die Corona-Pandemie in einem zeitlichen Ablauf darstellen:

  1. Inkubation (erste ein bis zwei Wochen)
    In dieser Zeit nach der Ansteckung entwickelt sich die Krankheit im Körper. Das heißt, der Körper wird zum Inkubator der Krankheit und der Virus, der den Körper befallen hat, wird vom Körper repliziert. Anfangs merkt der Mensch davon oft wenig, ist aber im Falle einer Corona-Infektion bereits infektiös und kann die Krankheit damit also unbemerkt weiter verbreiten.
  2. Ausbruch (Woche zwei bis vier)
    Der eigentliche Ausbruch der Krankheit kommt bei vielen Viren (so auch bei Covid 19) meist urplötzlich von jetzt auf gleich. Biologisch ist das der Moment, an dem der Körper mit immer mehr Kopien des Virus zu schaffen hat, die im Laufe der Inkubation gebildet wurden. Üblicherweise dauert im Falle von Covid 19 die Krankheitsdauer dabei rund 10 bis 14 Tage, wobei auch da der Kranke infektiös bleibt.
  3. Ende der Krankheit – oder schwerer Verlauf (Woche drei bis fünf)
    Kann ein Körper mit der Infektion umgehen, endet der Ausbruch üblicherweise nach einigen Tagen langsam. Die Chancen, dass dies aber nicht das Ende der Krankheit ist, steigt, je geschwächter ein Körper ist, sei es durch ein hohes Alter oder durch einschlägige Vorerkrankungen. Hier kann es passieren, dass der Körper schlicht nicht mit dem Ausbruch fertig wird, weil er beispielsweise in der Krankheitsphase mit einem zusätzlichen Erreger infiziert wurde. Rund 10 % aller kranken Personen entwickeln so einen schweren Verlauf.
  4. Schwerer Verlauf mit Krankenhauseinweisung (Ab Woche drei)
    Ein gefürchteter Verlauf einer Covid-19-Erkrankung sind Krankheitsbilder mit der Lunge. Das passiert offenbar häufig dadurch, dass die Erkrankung offenkundig mit dem Atmungstrakt zu tun hat und die Lunge in einem geschwächten Zustand noch stärker empfindlich ist für Folgeerkrankungen wie beispielweise eine Lungenentzündung. Die wiederum belastet den Körper vor allem deshalb, weil eine geschwächte Lunge nicht die Menge Sauerstoff an den Körper liefert, den er zum Funktionieren dauerhaft braucht.
  5. Intensivpflichtiger Covid-19-Verlauf (Ab Woche vier bis fünf)
    Wiederum rund 10 % aller krankenhauspflichtigen Covid-19-Erkrankungen entwickeln einen intensivpflichtigen und potentiell lebensbedrohlichen Verlauf, brauchen also eine intensivmedizinische Betreuung mit Sauerstoffzufuhr und ständigen Medikamenten. Vor allem brauchen diese Patienten aber sehr schnell ein Bett in einer Intensivstation und davon hat es in Krankenhäusern deutlich weniger, als Betten in Normalstationen.

Wo sind wir aktuell?

Tatsächlich bewegt sich die Zahl an Intensivbetten und des Auslastungsgrades wieder auf der Höhe der zweiten Welle. Mit dem Unterschied, dass die dritte Welle mit großer Wahrscheinlichkeit noch gar nicht die Spitze erreicht hat. So sahen die Zahlen am Ostersamstag in Pforzheim laut DIVI-Intensivregister aus:

  • Gesamtzahl aller Intensivplätze: 64
  • Belegte Intensivplätze: 59 (Auslastung von 91,5 %)
  • Freie Intensivplätze: 5

Zwar war es am Ostersamstag so, dass von den 59 belegten Intensivplätzen „nur“ 9 Personen mit einem schweren Covid-19-Verlauf behandelt wurden, dennoch ändert dies nichts an der Auslastung von 91,5 %. Belegte Intensivbetten sind belegt, egal mit welchem Krankheitsbild.

In einer regelmäßig aktualisierten Grafik sieht das dann so aus:

Einfach ein paar Betten in die Intensivstationen stellen?

Das hört sich theoretisch recht einfach an und in den meisten Fällen können in Krisensituationen tatsächlich zusätzlich Intensivbereiche eingerichtet werden, aber das geht nur in sehr bedingtem Maße. Zum einen sind Intensivbetten mit einer Vielzahl an Gerätschaften ausgestattet, die nicht „mal eben so“ angeschafft werden können. Zum anderen ist für Intensivbetten auch spezialisiertes Personal erforderlich. Intensivpfleger sind gegenüber Krankenpflegern zusätzlich ausgebildet und müssen auch mit ganz anderen, erheblich kränkeren Patienten umgehen.

Im Falle von Covid-19 kommt erschwerend hinzu, dass Intensivpatienten im Gegensatz zu anderen Krankheiten pflegeintensiver sind. So werden beispielsweise beatmungspflichtige Patienten zur Entlastung der Lungen regelmäßig auf den Bauch gelegt. Ein Vorgang, der pro Umwenden dank der angeschlossenen Kabel und Schläuche von mehreren Ärzten und Pflegern (die in dieser Zeit auch nichts anderes tun können) bewältigt werden muss und 20 bis 30 Minuten dauert.

Die Lösung bei solchen Engpässen ist daher ab einem gewissen Auslastungsgrad die Verlegung in andere Krankenhäuser. Und auch das hört sich einfach an, denn es geht hierbei nicht nur um den eigentlichen Transport, sondern vor allem darum, wo ein schwer erkrankter Patient weiter adäquat versorgt werden kann. Üblicherweise fallen kleinere Krankenhäuser bei solchen Entscheidungen durch, allerdings können größere Krankenhäuser auch nicht ewig alle Intensivpatienten aus anderen Krankenhäusern übernehmen, weil auch dort die Ressourcen endlich sind.

Was passiert im Ernstfall?

Dazu muss man zunächst sagen: Der Ernstfall ist bereits eingetreten und entwickelt sich unaufhörlich mit zeitlichem Versatz. Denn während sich ab Ende Februar immer mehr Menschen mit dem Sars-Cov-2-Virus infiziert haben, beginnt auch der Ablauf der Covid-19-Erkrankung nach obigem Schema. Faktisch ist es also so, dass die Infektionen ab Mitte Februar nun die sind, die nun nach und nach mit einem schweren Verlauf ins Krankenhaus kommen. Und wir haben, wie oben geschrieben, im Neuinfektionsgeschehen (der mit der 7-Tage-Inzidenz dargestellt wird) noch einen sehr langen Weg bis zur Spitze, ab der sich dann die Kurve wieder nach unten bewegen könnte.

Wenn nun immer mehr Patienten intensivpflichtig werden, im Gegenzug aber die Intensivplätze immer weniger, wird es möglicherweise immer schwerer, intensivpflichtige Personen auch zu behandeln. Es muss spätestens dann abgewogen werden, wer einen Intensivplatz bekommt und wer nicht.

Nach diesem Entscheidungssystem der „Triage“ arbeitet jede Notaufnahme, in der bei der Einlieferung entschieden wird, welcher Patient so krank ist, dass er sofort behandelt werden muss und wer noch warten kann. Beispielsweise müssen Herzinfarkte oder Schlaganfälle sofort behandelt werden, während ein gebrochener Arm noch etwas warten kann. Ein intensivpflichtig werdender Covid-19-Verlauf ist ebenfalls nichts, was lange warten kann, denn hier versagt die Sauerstoffzufuhr des Körpers.

Was nun aber tun, wenn beispielsweise zwei akut intensivpflichtige Patienten anstehen, aber nur ein Intensivbett zur Verfügung steht? Das System der Triage sieht für so einen absoluten Ernstfall dann vor, dass abgewogen muss, welcher Patient die größeren Überlebenschancen hat. Und das sind dann Situationen, die man eigentlich niemals haben möchte: Ärzte, die eigentlich helfen wollen, aber im Zweifelsfall bei einem Menschen mit geringeren Chancen nicht dürfen. Ethische Fragen, wie man das Leben Einzelner überhaupt gegeneinander abwägen kann? Und vor allem rechtliche Fragen, wenn sich eine Person gegen so eine Triage-Entscheidung wehren wollte.

Was nun tun?

Innerhalb der nächsten Wochen ist die Entwicklung in den Krankenhäusern und Intensivstationen kaum noch veränderbar – hier sieht man die Resultate des Infektionsgeschehens der letzten Wochen.

Um aber die dritte Welle „zu brechen“, ist spätestens hier, jetzt und heute erforderlich, Neuinfektionen zu vermeiden, wo es nur geht. Jede Infektion kann weitere Infektionen auslösen und im Ernstfall ist tatsächlich jede Infektion, die sich zu einem schweren Verlauf entwickeln kann, eine zu viel.

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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über 25-jährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.