„Die Situation ist besorgniserregend“

Pressekonferenz zur Corona-Situation an den Kliniken vom 20. April 2021, von links oben: Bastian Rosenau, Nicola Buhlinger-Göpfardt, Carsten Sorg (Kreisbrandmeister Enzkreis), Markus Haist (Facharzt), Felix Schumacher (Chefarzt Intensivmedizin Helios Klinikum Pforzheim), Wolfgang Herz (Erster Landesbeamter Enzkreis), Thushira Weerawarna (Chefarzt Lungenzentrum am Siloah St. Trudpert Klinikum), Stefan Pfeiffer (ärztlicher Direktor Medizinische Klinik am RKH Krankenhaus Mühlacker), Bürgermeister Dirk Büscher

Ärzte und Verwaltung warnen vor Überlastung der Krankenhauskapazitäten.

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In einem Pressegespräch haben Verantwortliche von Stadt Pforzheim und des Enzkreises, sowie lokale Ärzte- und Krankenhausvertreter am Dienstag von der aktuellen Situation in Krankenhäusern, Arztpraxen und von der Impfkampagne berichtet.

Von einer „besorgniserregenden Situation“ berichtet Dr. med. Stefan Pfeiffer, ärztlicher Direktor an der Medizinischen Klinik der RKH-Klinik Mühlacker. Covid-Patienten würden immer jünger und das werde von Ärzten und Pflegepersonal als sehr belastend empfunden. Die Intensivstationen seien voll und deren Kapazitäten erschöpft. „Wir hatten letzte Woche kurzfristig die Situation, dass wir kein freies Beatmungsbett hatten“, so Pfeiffer, der gleichzeitig von einem „phantastischen Verhältnis“ der Kliniken in der Region spricht. Der limitierende Faktor sei jedoch ärztliches und pflegerisches Personal.

Ein Punkt, den auch Dr. med. Thushira Weerawarna, Chefarzt des Lungenzentrums am Siloah St. Trudpert Klinikum in Pforzheim anspricht. Als gute Nachricht verbucht Weerawarna, dass in der nun dritten Welle der Corona-Pandemie ein Großteil des Personals nicht mehr anfällig für Covid-19 sei, sowohl durch eine überstandene Infektion, als auch durch Impfungen.

Auffallend ist der Altersdurchschnitt. „Ich habe nur einen einzigen Patienten über 80“, so Weerawarna, „die jüngste Patientin ist 1990 geboren.“ Sie liege mit einer „schwerst-kaputten Lunge“ in der Klinik und es könne Wochen und Monate dauern bis zu einer Heilung. Teilweise aus der zweiten oder gar der ersten Welle stammen Fälle, die erst jetzt aus dem Krankenhaus entlassen werden. Weerawarna stellt aber auch klar: „Wir haben keinen einzigen Patienten, der bereits geimpft ist oder die Krankheit schon hatte.“

In der nun dritten Welle der Corona-Pandemie sieht er vier zentrale Herausforderungen: Die Arbeitsbelastung des Personals nach über einem Jahr Pandemie, gleichzeitig der Enthusiasmus des Personals, immer jüngere Patienten, die gleichzeitig auch länger im Krankenhaus bleiben müssten.

In den letzten Wochen „sehr viel kränkere Personen“ gesehen hat auch Dr. med. Nicola Buhlinger-Göpfardt, Allgemeinmedizinerin und Pandemiebeauftragte des Gesundheitsamtes. Dennoch fühle man sich sicherer bei der Behandlung von Krankheitsverläufen, da es inzwischen aktuelle Handlungsempfehlungen und Erfahrungswerte gäbe, die vor einem Jahr noch nicht existierten. Patienten könnten nun mit kleinen Helfern wie beispielsweise Pulsoxymetern zur einfachen Messung des Sauerstoffgehaltes ausgestattet werden, mit denen frühzeitig der Verlauf der Infektion eingeschätzt werden könne. Damit konnten beispielsweise letzte Woche drei Krankenhauseinweisungen vermieden werden. Zudem habe man mit dem Impfen nun auch die Gelegenheit, aktiv in den Pandemieverlauf eingreifen zu können. Patienten freuten sich, nun die Impfung erhalten zu können und die Impfungen von vier bis sechs Impflingen in der Praxis sei auch gut für die Stimmung im Team.

„Wir machen es diesmal anders“, so Dr. Felix Schumacher, Chefarzt der Intensivmedizin am Helios Klinikum Pforzheim. Man kenne inzwischen die Krankheit und habe auch hier geimpftes Personal. „Ich habe das Gefühl, die Leute vertrauen uns, dass sie nicht angesteckt werden“, so Schumacher. Doch er warnt, dass beispielsweise onkologische Eingriffe an Intensivbetten gebunden sind. „Die können wir noch machen, aber irgendwann könnte das nicht mehr funktionieren“, so Schumacher im Hinblick auf den Zustand, dass aktuell elektive Eingriffe, also planbare Operationen, aufgrund der Pandemiesituation nach hinten verschoben werden.

„Aufbruchstimmung“ bei der Impfkampagne

Enzkreis-Landrat Bastian Rosenau sieht eine „Aufbruchstimmung“ in der Impfkampagne. Im Mai seien für das Land Baden-Württemberg eine Millionen Impfdosen geplant und es überwiege eine „positive Grundstimmung“, dass es jetzt richtig losgehen könne. Dr. med. Markus Haist, der in seiner gynäkologischen Praxis ebenfalls impft, berichtet, dass in Pforzheim in 63 Praxen bereits 3.218 Impflinge geimpft werden konnten, im Enzkreis in 71 Praxen sogar 3.688. Dazu kämen rund 20.700 Impfungen im Kreisimpfzentrum Pforzheim und 25.000 Impfungen im Impfzentrum im Enzkreis. Man sei auf einem guten Weg, so Buhlinger-Göpfardt: „Das ist ein Weg aus der Pandemie.“

Problematisch sieht es Haist, dass öffentliche Diskussionen über die Impfstoffe für Irritationen sorgten. Weerawarna sieht hier auch Aufklärungsarbeit: „Man muss die Angst vor Astra-Zeneca nehmen.“ Schon eine Erstimpfung schütze zu einem „erheblichen Teil“ von einem schweren Verlauf und die Zweitimmunisierung sei vor allem als Schutz vor der Übertragbarkeit der Krankheit notwendig. Wer die erste Astra-Zeneca-Impfung vertragen habe, werde auch die zweite Impfung vertragen, so Weerawarna auf die Nachfrage, ob eine Zweitimpfung mit dem Astra-Zeneca-Impfstoff ein zusätzliches Risiko berge. Markus Haist sieht hier allerdings ein Haftungsthema für Ärzte, denn die Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission seien für Ärzte verbindlich.

Mit einer eindringlichen Appell wendet sich Pforzheims Bürgermeister Dirk Büscher an die Bevölkerung. Man wisse um „die Müdigkeit“ in der Pandemie, aber sich impfen zu lassen, sei der Weg aus der Krise. In dem Zusammenhang sei es auch wichtig, Impftermine einzuhalten und bei Bedarf rechtzeitig abzusagen, um auf diese Weise freiwerdende Impftermine an Impfwillige vergeben zu können.

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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über 25-jährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.