Kann man den aktuellen Corona-Zahlen trauen?

Zahlenmaterial der Corona-Statistiken von PF-BITS

Während sich die meisten Menschen über die vermeintlich niedrige 7-Tage-Inzidenz freuen, bleibt bei der Interpretation der realen Zahlen ein schaler Nachgeschmack.

(Lesezeit: 5 Minuten)

Die Zahlen lesen sich toll und dass der heutige Dienstag gleich mit der guten Nachricht beginnt, dass in Pforzheim ab Donnerstag die verschärften Corona-Schutzmaßnahmen aufgehoben werden können. Und auch der 7-Tage-Inzidenzwert von 100 scheint nun so greifbar zu sein, dass er rechnerisch schon Mitte nächster Woche dazu führt, dass auch die Gastronomie wieder öffnen kann. Leider entstammen diese Zahlen aber aus teilweise recht kreativen Interpretationen von eigentlich klaren Zahlen.

Problem 1: Testungen während Wochenenden und Feiertagen

Praktisch überall ist es (nachvollziehbarerweise) so, dass an Wochenenden in der Regel deutlich weniger statistikrelevante Testungen durchgeführt werden, als während der Woche. Das bildet sich dann natürlich an den gemeldeten Neuinfektionszahlen ab, die beispielsweise sonntags, montags und unmittelbar nach Feiertagen deutlich niedriger sind, als während der Woche (siehe hierzu auch die Tabelle weiter unten).

Generell ist es daher so, dass die Neuinfektionszahlen gerade an Montagen mit Vorsicht zu genießen sind und allenfalls mit den Zahlen des vorherigen Montages halbwegs sinnvoll verglichen werden können, wenn überhaupt. Immerhin ist dieser Umstand, dass Testungen nicht an allen Wochentagen in gleicher Zahl erfolgen, auch der Grund für die Berechnung der 7-Tage-Inzidenz, die das Neuinfektionsgeschehen der vergangenen 7 Tage auf 100.000 Einwohner gerechnet, anzeigt. Zumindest theoretisch, denn es gibt da ein weiteres Problem …

Problem 2: Nachmeldungen bei der Berechnung der 7-Tage-Inzidenz

Einen zentralen Nachteil haben die Zahlen der 7-Tage-Inzidenzen, die täglich vom Gesundheitsamt und später dann auch vom Sozialministerium und dem darüberliegenden Robert-Koch-Institut gemeldet werden: Die von den Gesundheitsämtern übermittelten Zahlen werden nämlich tageweise und tagesaktuell für die Inzidenzberechnungen verarbeitet und beinhalten keine späteren Nachmeldungen. Die werden zwar in den reinen Zahlenstatistiken über Neuinfektionen berechnet, aber eben nicht im Wert der 7-Tage-Inzidenz berücksichtigt.

Was dann dazu führt, dass die offiziellen Zahlen der 7-Tage-Inzidenz praktisch immer niedriger liegen, als wenn man in einer eigenen Statistikauswertung eben auch Nachmeldungen berücksichtigt. Und mitunter auch zu regelrecht grotesken Zahlenphänomene, wenn beispielsweise ein Gesundheitsamt an einem Tag gar keine Neuinfektionen meldet und diese erst am nächsten Tag nachmeldet. Diese werden dann nämlich bei der Berechnung für die 7-Tage-Inzidenz an diesem neuen Tag nicht zu den Zahlen des Folgetages hinzugezählt, sondern schlicht weggelassen.

Das hat mitunter dann bedeutende Nachwirkungen, wenn nämlich die 7-Tage-Inzidenz nahe an Grenzwerten liegt wie beispielsweise 100 für die Regelungen der „Bundesnotbremse“ und 165 für verschärfte Schutzmaßnahmen des Landes Baden-Württemberg. Zwar müssen diese Grenzwerte an fünf Werktagen hintereinander unterschritten werden, liegen aber zwischen den Werktagen wiederum Wochenenden und Feiertage, können diese Werte rechnerisch unterschritten werden, so wie es aktuell mit großer Wahrscheinlichkeit bei der 7-Tage-Inzidenz von angeblich 85 sein könnte. Nachmeldungen helfen dann am jeweiligen Anfang der nächsten Woche nicht, um die 7-Tage-Inzidenz wieder auf realistische Werte zu heben – sie bleiben faktisch zu niedrig und das teilweise um 10 Prozent und mehr.

Schaut man sich nämlich die Zahlen der reinen Neuinfektionszahlen an, fällt auf, dass die niedrigsten Meldezahlen von Neuinfektionen entweder an oder direkt nach Wochenenden und Feiertagen fallen:

Sa, 1. Mai 2021 (Feiertag)7196
So, 2. Mai 2021 (Wochenende)2624
Mo, 3. Mai 202174
Di, 4. Mai 20213968
Mi, 5. Mai 20216462
Do, 6. Mai 20211649
Fr, 7. Mai 20216785
Sa, 8. Mai 2021 (Wochenende)1624
So, 9. Mai 2021 (Wochenende)2616
Mo, 10. Mai 20215630
Di, 11. Mai 20215150
Mi, 12. Mai 20216660
Do, 13. Mai 2021 (Feiertag)2857
Fr, 14. Mai 20211918
Sa, 15. Mai 2021 (Wochenende)4849
So, 16. Mai 2021 (Wochenende)1314
Mo, 17. Mai 202172
Di, 18. Mai 20213135
Mi, 19. Mai 20214044
Do, 20. Mai 20213036
Fr, 21. Mai 202181
Sa, 22. Mai 2021 (Wochenende)2829
So, 23. Mai 2021 (Wochenende)713
Mo, 24. Mai 2021 (Feiertag)-3-2
Di, 25. Mai 20210-2

Die negativen Werte am 24. und 25. Mai haben übrigens ihren Ursprung in wohl echten Übermittlungsfehlern zwischen Gesundheitsamt und Landesgesundheitsamt, so die Auskunft des Sozialministeriums.

Was stimmt denn nun?

Festhalten muss man leider, dass die gemeldeten amtlichen Zahlen der 7-Tage-Inzidenz zwar für die Berechnungen für Grenzwerte etc. herhalten, aber mitunter deutlich niedriger sind, als das tatsächlich vorhandene oder auch gemeldete Neuinfektionsgeschehen. Und das umso stärker nach Wochenenden und oder gar mit verlängernden Feiertagen.

Immerhin kann man allerdings im Gegenzug sagen, dass der Schaden vermutlich überschaubar ist, denn die eigentlichen Tendenzen des Neuinfektionsgeschehen bilden auch die niedrigeren amtlichen Zahlen weitgehend ab. Geht also das Neuinfektionsgeschehen in einer Messregion tendenziell nach unten – wie es in Deutschland praktisch überall vorherrscht – dann geht es beim Erreichen der Grenzwerte meist nur um wenige Tage Differenz.

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Über Besim Karadeniz 2546 Artikel
Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über 25-jährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.