„Protest-Mode“ aus Pforzheim ausgestellt

Protest-Modepuppen als Protest-Kunstbetrachter (Foto: Kunstmuseum Stuttgart/Gerald Ulmann)

Studiengang Mode stellt bis Mitte Januar im Kunstmuseum Stuttgart aus.

(Lesezeit: 4 Minuten)

In Deutschland gibt es – wie in anderen Ländern Europas – eine lange Protesttradition. Die seit 1945 steigende Protestbereitschaft der Bürgerinnen und Bürger ist Teil gelebter Demokratie, die Menschen gehen auf die Straße, um sich politisch zu artikulieren. Proteste tragen zur Konfliktbewältigung bei und sind ein wichtiges Ventil für aufgestauten Unmut. Die ästhetischen Zeugnisse des Protestes wie Slogans oder Transparente, insbesondere aber die Symbolkraft der getragenen Kleidung sind bislang wenig beachtet worden. Seit dem Jahr 2020 entwickeln Mode-Studierende der Hochschule Pforzheim gemeinsam mit der Klasse des Künstlers Christian Jankowski an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart Interventionen zu dem Thema. Eine Auswahl der Arbeiten zeigt nun das Kunstmuseum Stuttgart in der Ausstellung „Protestbereitschaft – Zeitgenössischer Aktivismus zwischen Haltung und Stil“ bis zum 16. Januar 2022. Die Ausstellung ist Teil des Kooperationsprojekts „Wir sind das Volk. Ästhetik der Protestbewegungen im 20. und 21. Jahrhundert“.

„Signalwirkung und Funktion waren die Ausgangspunkte der Kollektionen: Protest-Mode ist visuelle Kommunikation und soll gleichzeitig Schutz vor Kälte, Regen und Wasserwerfer bieten“, sagt die Pforzheimer Mode-Professorin Claudia Throm, die die Umsetzung der Studierenden gemeinsam mit Dr. Robert Eikmeyer, Lehrstuhl für Kunst- und Designtheorie, betreute. Auf den Punkt gebracht hat dies Jessica Hug mit ihrer Kollektion „Amazonia“ für den Erhalt der tropischen Regenwälder im Amazonas. Mit nur einigen Griffen lässt sich der wetterfeste Trenchcoat in einen knallig-bunten, pressewirksamen Paradiesvogel-Look verwandelt. Direkt vom Schreibtisch aus auf die Straße: „Suit Demos“ kennt Johannes Bachor aus Japan. Wenn die Zeit zum Umziehen nach der Arbeit nicht mehr reicht, geht man dort bei brennenden Themen eben gleich im Anzug auf die Straße. „Ich trage selbst gerne Anzüge und die Suit Demos haben auch wegen der eleganten Kleidung für Aufsehen gesorgt“, sagt der Mode-Student. Zum Schutz der Protestierenden vor Überwachungskameras, hat er seine Outfits mit „Tarnmustern“ und Reflektoren ausgestattet.

„Es ging uns beim kuratorischen Konzept vor allem um die Inszenierung von Blicken“, sagt Dr. Robert Eikmeyer. Das Weg- und Hinsehen zieht sich wie ein Leitmotiv durch das Ausstellungskonzept und viele der Werke. Die Kollektionen werden von leblosen Kleiderpuppen getragen, welche in ‚seltsamen‘ Paarungen die einzelnen Werke der Klasse Jankowski in Augenschein nehmen. Die Protest-Modepuppen erscheinen als Protest-Kunstbetrachter – eine spannungsvolle Gesamtinstallation. So trifft die Kollektion von Clarissa Ottmann auf Malerei von Kunst-Studenten Nick Liebig. Die Outfits unter dem Titel „Peaceful Protest Please“ sind reinweiß und fragil und spielen auf den friedlichen Protest und die weiße Kleidung der Frauen in Belarus an. Durch die demonstrative Präsentation von verletzlichen Körperstellen will Clarissa Ottmann Nicht-Gewaltanwendung provozieren und den Schutz von der Kleidung auf den öffentlichen Raum ausweiten. Im Kontrast hierzu steht Nick Liebigs Reiterstaffel, die durch die Isolierung der Polizeikräfte vom jeweiligen politischen Hintergrund die Akteure der staatlichen Gewalt seltsam hilflos wirken lässt.

„Ich habe mich in der Recherche für Tabus interessiert“, sagt Delara Vafi. Mit ihrer Kollektion „The Red Umbrella Movement“ greift sie die Proteste von Sexarbeiterinnen auf der 49. Biennale von Venedig auf. Seither ist der rote Regenschirm Symbol für ihre Rechte: gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen und Menschenrechtsverstöße und auch die Diskriminierung des Berufszweiges generell.

Raumgreifender Rahmen für alle Mode- und Kunstarbeiten ist die als Fortsetzungstapete konzipierten Arbeit „Protesttapete“ von Angela Vanini. In Bildergeschichten bringt sie alles an die Wand, das sonst unter den Teppich gekehrt wird, nämlich Slogans und Botschaften, die üblicherweise der Political Correctness zum Opfer fallen. Alle 27 Arbeiten zeigen, dass die Wirkmacht der Ästhetik bei Demonstration und Protest und die Kleidung hierbei eine zentrale Rolle spielt.

Quelle(n): pm

Besim Karadeniz
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