Kapitulieren wir?

Illuminierte Friedenstaube am Rathaus Pforzheim zum 23. Februar (Foto: Gerhard Baral)

Wegschauen hilft nicht. Und wie ausgerechnet eine Bierbrauerei das stärkste Zeichen setzt.

(Lesezeit: 3 Minuten)

Man kann sich über vieles wundern im neuzeitlichen Umgang mit dem Schicksalstag Pforzheims, dem 23. Februar. Beispielsweise darüber, dass das Programm der Stadt Pforzheim zum Gedenktag gerade mal zwei Tage vor dem 23. Februar fertig war. Darüber, dass viele Veranstaltungen aufgeführt waren, aber ausgerechnet die Gedenkveranstaltung und die Gegendemonstration der „Initiative gegen Rechts“ mit 300 Teilnehmern nicht, die vom Platz der Synagoge bis zum Hauptbahnhof ging, mit immerhin drei Kundgebungen auf dem Weg. Darüber, dass das Gedenken am Abend „aus Pandemiegründen“ ausfiel und OB Boch seine Ansprache über eine Videokonserve ausstrahlen ließ, weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit mit gerade einmal 300 Aufrufen. Darüber, dass die Stadt eine „Erklärung zum 23. Februar“ zum Mitunterzeichnen auf ihrer Website veröffentlicht hat, die, ebenfalls weitgehend unter Ausschluss öffentlicher Reichweite, gerade einmal sieben Tage lang mit unterzeichnet werden konnte. Allein der hierzu nicht genutzte Facebook-Kanal der Stadt hätte eine Reichweite von über 11.500 Abonnenten auf die Waage legen können.

Oder warum man letztes Jahr den Mut aufbringen konnte, den Fackelaufmarsch aufgrund des damaligen Pandemiegeschehens erfolgreich zu untersagen, während man es in diesem Jahr, bei einem vielfach höheren Infektionsgeschehen, offenkundig noch nicht einmal in Betracht zog.

Man kann. Und man müsste eigentlich auch. Kollektives Wegschauen darf eigentlich keine Option sein. Denn der weithin gut sichtbare Fackelaufmarsch der „harmlosen Demonstranten“, die man doch am besten „einfach gar nicht beachten“ sollte, wie gerne in den Niederungen einschlägiger Pforzheim-Gruppen in sozialen Netzwerken geblökt wird, findet trotzdem statt und nur weil diese Personengruppe tunlichst jegliche Konfrontation vermeidet, ist sie und ihre Botschaft keineswegs harmloser Natur.

Man kann sich wundern. Oder man kann sich darüber wundern, wie es ausgerechnet eine Bierbrauerei am gestrigen Mittwoch schafft, mit wenigen Worten und drei eindrücklichen Bildern in einer viel beachteten Facebook-Mitteilung das Zeichen zu setzen, das es zu setzen gilt:

Kapitulation kann keine Option sein

Sehr deutlich dürfte nun geworden sein, dass wir uns als Stadtgesellschaft so ein halbherziges Gedenken wie in diesem Jahr nicht noch einmal erlauben dürfen. Sicher, der 23. Februar ist keine Feel-Good-Veranstaltung und ein Gedenken auf würdige Weise zu treffen, auch nicht mal so eben gemacht. Aber wegschauen und lieber zu Hause bleiben, darf keine Option sein.

Besim Karadeniz
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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über 25-jährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.