Mit Quatsch durch den Wahlkampf

Ausschnitt aus einem FDP-Wahlplakat

Rettet das Auto in der Fußgängerzone die Stadt und vielleicht auch die FDP Pforzheim?

(Lesezeit: 4 Minuten)

Sie schätzen eine Innenstadt, in der es zwischen Fußgängern, Radfahrern und Auto ein vernünftiges Nutzungsverhältnis gibt? Sie mögen es, in der Fußgängerzone ein Mittagessen einzunehmen, einen Espresso zu trinken oder ein Eis zu essen? Es erleichtert Sie, dass Kinder in der Fußgängerzone aus einem Laden treten zu können, ohne dass sie Gefahr laufen, unter die Räder eines Fahrzeuges zu kommen?

Dann habe ich eine unangenehme Feststellung für Sie: Die FDP Pforzheim hasst Sie. Sie haben unmittelbar Schuld daran, dass die Pforzheimer Innenstadt vermeintlich verendet. Und die FDP Pforzheim hält sie für dumm, denn ihr Slogan „Pforzheim wieder schlau machen“ impliziert mit ihren Forderungen, dass sie die „schlaue“ Partei ist, die man nur wählen müsse, um auch selbst als schlau zu gelten.

Nun unterscheiden sich Kampagnen zu Kommunalwahlen inzwischen vor allem durch möglichst schrille Forderungen und Ausgestaltungen. Während ein stadtbekannter Künstler, Journalist, Architekt und Politiker in Personalunion – seine gesamte pinkfarbene Kampagne herunterbricht auf ein Wahlwort namens „Image“, wirbt eine andere Gruppierung mit dem schwer nachvollziehbaren Satz, dass man wenn man nur noch Zitronen hat, daraus Limonade machen solle. Schlechte Voraussetzungen auspressen, bis süßer Saft herauskommt? Oder sogar einen Innenstadtring für fließenden Verkehr fordert, freilich mit dem kleinen Schönheitsfehler, dass dieser geforderte Innenstadtring schon seit vielen Jahren existiert. Ein Versuch, auf die Vergesslichkeit oder Unkenntnis des Wählers zu setzen? Das wäre böse. Da reicht es offenkundig auch schon, einfach nur noch eine Zitrone auf das A0-Plakat zu hieven. Immerhin kein Autoreifen, wie es bei der FDP Pforzheim durchaus nachvollziehbar wäre.

Also zurück zur FDP Pforzheim, die offenkundig das Auto und das allumfassende Recht auf eine allgemeine Drive-in-Mentalität zu ihrer zentralen Programmatik erhoben hat. Denn selbstverständlich sind alle Begründungen, warum mehr Autos in der Innenstadt sinnvoll wären, hanebüchener Unsinn. Dass der Einzelhandel in den Innenstädten einem fundamentalen Wandel unterliegt, ist nämlich beileibe kein „Pforzheim-Problem“, sondern ein globales, dem Online-Handel sei Dank. Und dass Pforzheim als eine sich immer stärker entwickelnde „Schlafstadt“ zwischen den Großstädten Karlsruhe und Stuttgart nochmal verschärften Herausforderungen unterliegt, kann man anschaulich in den Neubaugebieten beobachten, in denen viele Menschen wohnen, die weder in Pforzheim arbeiten, noch überhaupt aus Pforzheim stammen.

Man könnte daher von der Politik und insbesondere von einer liberalen Partei, die bereits seit vielen Jahrzehnten im Gemeinderat sitzt und daher mitbekommen haben dürfte, wie der Hase in der Stadt läuft, eine echte Programmatik für eine nachhaltige Stadtentwicklung erwarten, anstatt das Plappern von Plattitüden in der Hoffnung, möglichst viele Protestwähler abzugreifen. Sozusagen nach der Devise, dass man Blödsinn einfach nur laut genug herausbrüllen muss, um damit Protestwähler zu gewinnen. Protestwähler, bei denen zweifelhaft ist, ob sie jemals FDP wählen würden, wenn es andere Gruppierungen gibt, die den Gemeinderat als ideale Produktionsstätte für Zitronenlimonade verstehen und beim Niveaulimbo noch viel tiefer können.

Besim Karadeniz
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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über 25-jährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.