NEU-STADT – Pforzheim neu entdecken

Das Team urbansupergroup Berlin (von links: Turit Fröbe, Daniel Boy, Tristan Biere, Karsten Michael Drohsel)

Der/die geneigte Leser(in) kennt das Gefühl, wenn sie/er in eine für sie/ihn neue Stadt kommt und die ersten Schritte darin tut. Das Atmen der „Stadtluft“, der erste Eindruck der Städte und Plätze, der zaghafte Dialog mit den Einwohnern. Ein unbeschreibliches Gefühl, das für viele Menschen der Grund dafür ist, Fernweh zu empfinden und zu reisen. Kann das auch mit der eigenen Heimatstadt funktionieren?

Die Künstlergruppe urbansupergroup Berlin in Person von Turit Froebe, Daniel Boy, Karsten Michael Drohsel, Tristan Biere und beschäftigt sich buchstäblich spielerisch mit dieser Frage und hat dazu die baden-württembergischen Städte Karlsruhe, Bad Cannstatt, Reutlingen, Ulm, Esslingen, Ludwigsburg und am vergangenen Wochenende Pforzheim bereist. In Kooperation mit den soziokulturellen Zentren der Städte – in Pforzheim mit dem Kulturhaus Osterfeld – wird das Projekt „NEU-STADT“ durchgeführt, das mit Mitteln der Baden-Württemberg-Stiftung gefördert wird. In einem ersten Termin will die Künstlergruppe dabei die Stadt in 48 Stunden kennenlernen und in einem späteren Termin dazu einen Reiseführer und ein Spiel präsentieren.

Einwohner führen die Gäste sehr persönlich durch die Stadt

Der erste Schritt des Konzeptes ist recht einfach und doch sehr komplex: Die freiwilligen Teilnehmer, allesamt Einwohner Pforzheims aus vielen Gesellschafts- und Nationalitätsschichten, werden in mehrere Gruppen aufgeteilt, die jeweils ein Mitglied der Künstlergruppe „an die Hand“ nimmt und sie agil durch die Innenstadt führt. Ziele der Stadtführung entstehen durch schnelle Absprachen und alle Stationen, an denen die Künstler ausgiebig Fotos und Notizen machen, lassen fast automatisch die Phantasie und die Lokalkenntnisse der Teilnehmer sprießen.

Und siehe da: Die Teilnehmer werden still und leise zu echten Botschaftern ihrer Stadt. Der Schlosspark? Früher ein „Loch“, heute ein kleiner Platz mit grüner Wiese, Sehenswürdigkeiten und Gastronomie rundherum und mitten drin die Luther-Eiche. Der Hauptbahnhof? Ein echtes Musterbeispiel deutscher Nachkriegsarchitektonik mit interessanten Details, die es den Künstlern sichtlich angetan haben. Und selbst die Bahnhofsunterführung weckt das Interesse von Künstlern und Teilnehmern und man steht staunend vor den Fahrradständern der Radboxen und rätselt, wie denn die Räder da überhaupt hochgewuchtet werden.

Das Urteil der Künstler fällt nach wenigen Stunden und der ersten Stadtführung am Freitag daher eindeutig aus und lässt den Pforzheimer zunächst einmal regelrecht schlucken: Turit Froebe, anerkannte Architekturhistorikerin und Urbanistin, schwärmt regelrecht von der Nachkriegsarchitektur der 1950er Jahre, die vor allem in Pforzheim sehr ausgeprägt und vor allem auch heute noch sichtbar ist. Was für den ein oder anderen Bürger als „oller Kasten“ erscheint, lässt fachkundigen Besuchern das Herz höherschlagen. Zu viel aus dieser Zeit würde andernorts abgerissen, weil es augenscheinlich nicht mehr en vogue erscheine.

Karsten Michael Drohsel, Wissenschaftler und Diplomingenieur der Stadt- und Regionalplanung, ist nach dem Rundgang mit seiner Gruppe vor allem angetan von den Plätzen der Stadt, die eine „Leichtigkeit mit großen Räumen“ ausstrahlen und von kurzen Wegen in der Stadt leben.

Aufmerksames Notieren zur Weiterverarbeitung

Das Ziel der Künstlergruppe ist das Sammeln von Informationen und Bildern, das bemerkenswert effizient und lautlos vonstatten geht. Die Künstler sind ständig am Notieren und Fotografieren, ohne den Dialog mit ihren „Stadtführern“ zu verlieren. Am zweiten Tag ihres Besuches wurden die Stadtführungen noch mit einem Spiel ergänzt, bei dem die Teilnehmer via Würfelspiel am Stadtplan und mit viel Kurzweil geheimnisvolle Orte vorschlagen und erklären konnten, ebenfalls alles quasi live protokolliert.

Mit einer Menge Papier und digitalen Bildern kehrten die Künstler noch am Sonntag nach Berlin zurück und werden nun bis September ein Spiel rund um Pforzheim und einen Reiseführer entwickeln, der die persönlichen Vorschläge und Geschichten der Teilnehmer in aufgearbeiteter Form beinhalten wird. Voraussichtlich am Samstag, 15. September 2018 stellt die Künstlergruppe in Pforzheim die Ergebnisse ihres Projektes um 11 und 15 Uhr vor. Und das ebenfalls wieder live und mit viel Verve.

 

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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über zwanzigjährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.