Mobiles „Pop-Up-Impfzentrum“ in Huchenfeld am Supermarkt

Ortsvorsteherin Sabine Wagner im Dauerstress: Sie half mit bei der Organisation und fand für das ein oder andere kleine Problem kurzfristig eine Lösung.

Nachdem viele Patienten auf der Warteliste eine Impfung mit Impfstoff von Astra-Zeneca ablehnten, entschied sich Allgemeinärztin Nicola Buhlinger-Göpfhardt zu einer bis dato beispiellosen Aktion.

(Lesezeit: 6 Minuten)

Eine Warteschlange vor einem Supermarkt ist seit Beginn der Corona-Pandemie nicht ganz selten. Meist geht es dann aber nur darum, die zulässige Personenanzahl im Markt nicht zu überschreiten. Die wartenden Personen vor einem Huchenfelder Supermarkt waren aber aus einem anderen Grund an diesem Mittwoch Nachmittag in Scharen gekommen.

Die in Huchenfeld ansässige Allgemeinärztin Dr. Nicola Buhlinger-Göpfhardt fand bei ihren Patienten auf einer Impf-Warteliste keine Abnehmer für Impfdosen des Herstellers Astra-Zeneca, so wie viele Ärzte bundesweit. Daher entschied sie sich zu einer öffentlichen Impfaktion für alle, die diesen Impfstoff möchten. Nach Rücksprache mit der Ortsverwaltung konnte der Supermarkt-Betreiber für die Zusammenarbeit gewonnen werden und stellte seinen Parkplatz zur Verfügung, mit Unterstützung vieler Ehrenamtlicher, die bei der Vor-Ort-Organisation mithalfen. So übernahmen Nachbarn des Marktes beispielsweise kurzerhand die Fahrzeugeinweisung.

Pieks im Vorbeifahren

Ursprünglich war geplant, die gesamte Impfaktion am Edeka-Markt durchzuführen; Fußgänger sollten in einer Impfstation im Eingangsbereich des Marktes geimpft werden, Insassen in Fahrzeugen auf dem Parkplatz davor, geschützt von zwei „Drive-In“-Zelten.

Nach einem kurzen Aufklärungsgespräch durch die anwesenden Ärzte kamen an der zweiten Haltestation die Impfhelferinnen zum Einsatz. Während sich die erste Mitarbeiterin um das Desinfizieren der Einstichstelle und das korrekte Ansetzen der kleinen Nadel kümmerte, machte die zweite ehrenamtliche Helferin die entsprechenden Eintragungen in den mitgebrachten Impfpass oder schrieb eine Impfbestätigung aus. Kurz nach 13 Uhr ging es los und so konnte rund 20 Minuten unter Applaus die erste geimpfte Person begrüßt werden. Eine Dame, die immerhin aus Heilbronn nach Huchenfeld gefahren war, um die Impfung abzuholen, durfte erstaunt in viele Kameras schauen, da auch überregionale Medien aus Pforzheim berichten, ein Nachrichtensender sogar live.

Schon gut eine Stunde später waren auch schon alle Tickets der rund 800 bereitstehenden Impfdosen reserviert, so dass viele Impfwillige unverrichteter Dinge wieder abreisen mussten. Noch bis in den Abend wurden und werden die am Tag reservierten Impfungen noch durchgeführt. Hier und da gibt es sogar ein „Glückslos“ für Wartende, wenn nämlich ein bereits eingeplanter Impfling dann doch noch aufgibt.

Ohne Anmeldung und gut organisiert

„Dafür, dass die Idee zur dieser Aktion erst am letzten Freitag geboren wurde, haben die Verantwortlichen das sehr gut organisiert“, lobt eine Frau in der Warteschlange die Helfer. Bereits am frühen Mittwochmorgen kamen die ersten Impfwilligen auf den Parkplatz des Supermarktes obwohl der Beginn offiziell erst auf 14 Uhr angesetzt war. Je näher der Mittag kam, um so mehr wurde es auf den Huchenfelder Straßen eng. So eng, dass selbst in den Verkehrsinformationen im Online-Kartendienst Google Maps die wichtigsten Durchgangsstraßen Huchenfelds mit dichtem Stau markiert wurden und gar dynamische Umleitungen geplant wurden, um Huchenfeld zu umfahren.

Vor Ort gab es für Impflinge in Autos ein Zettel mit einer Nummer und dann war für die meisten erst einmal ein Abflug angesagt – zum Parkplatz des benachbarten Bundeswehrdepots, um auf der dortigen ungenutzten Straße eine Warteschlange zu bilden. Wenn wieder einige Fahrzeuge die Impfstation vor dem Supermarkt verlassen hatten, wurden die am Bundeswehrdepot wartenden Fahrzeuge blockweise zum Supermarkt-Parkplatz beordert.

Ein Teil der anfahrenden Fahrzeuge wurden auch zur Huchenfelder Hochfeldhalle weitergeleitet. Auch dort wurde spontan noch eine Impfstation eingerichtet, um sich noch kurzfristig dem „drohenden“ Ansturm zu stellen. Geduldig reihten sich die Menschen in die lange Schlange ein und warteten, bis sie an der Reihe waren. Wartezeiten von mehreren Stunden waren keine Seltenheit, jedoch war diese Wartezeit für viele zweitrangig.

Eine Frau aus dem Enzkreis erzählte, dass sie seit Wochen versucht hat, einen Impftermin zu bekommen: „Ich habe es über das Internet stundenlang probiert und auch bei einer telefonischen Anmeldung hatte ich keinen Erfolg. Als ich von der Aktion hier über das Radio erfahren habe, bin ich hier hergekommen.“

Nicht alle wurden geimpft

Impfen lassen wollte sich auch ein junges Paar aus Neuhausen, welche aber von Frau Buhlinger-Göpfhardt abgelehnt wurden, da bei ihnen eine Priorisierung fehlte. „Da es demnächst Lockerungen für Geimpfte geben soll, wäre es natürlich von Vorteil, geimpft zu sein“, so der junge Mann, der jedoch Verständnis zeigte.

Einen triftigen Grund zur Impfung brachte ein Mann aus Plienzhausen mit. „Meine Eltern sind krank und jedesmal zu testen ist mit der Zeit auch nervig.“ Er lobt die Initiative der Huchenfelder Ärztin und hofft, dass diese Impfaktion Schule macht und sich auch noch andere Städte und Gemeinden zu so einer unkomplizierten Verimpfung entschließen könnten, denn „irgendwann müssen wir mal wieder zum Normalzustand zurückkehren“.

Missverständnis in Sachen Impfpriorität

Während sich die Nachricht, dass die Huchenfelder Impfaktion vor allem in Social Networks und in überregionalen Boulevard-Medien seit gestern in Windeseile verbreitete, zeigte der Blick auf Kommentare einer verteilten Infografik zu der Impfaktion, dass einige Interessen offenkundig dachten hatten, dass für diese Impfaktion die Regeln der Prioritätsgruppen vermeintlich nicht gelten würden.

Allgemeinärztin Dr. Nicola Buhlinger-Göpfhardt

„Es gibt schon eine Priorisierung, vor allem müssen die Leute einen Berechtigungsschein irgendeiner Weise vorlegen“, so Nicola Buhlinger-Göpfhardt auf Anfrage vor Ort. Auf die Frage, was mit jemandem passieren würde, der vor Ort sagt, dass er zu Hause einen älteren Verwandten pflegen müsse, sagt Buhlinger-Göpfhard: „Dann glaube ich ihm das.“

Über Björn Fix 245 Artikel
Björn Fix (bf), Jahrgang 1970, passionierter Fotoreporter und ständiger Mitarbeiter bei PF-BITS seit der ersten Stunde. Als gut informierter, zuverlässiger und gern gesehener Zuschauer und Beobachter ist er vor allem zuständig für aktuelle und "fixe" Berichterstattungen aus der Region.