Kinder zwischen der Macht

Kinder zwischen der Macht (Photo by Jason Rosewell on Unsplash.com)

Liest man als Nicht-Politiker den kurzen, aber heftigen offenen Briefwechsel zwischen Pforzheims SPD-Vorsitzenden Frederic Striegler und Oberbürgermeister Peter Boch, kann man zunächst einmal den Eindruck gewinnen, dass da zwei gestandene Männer auf absehbare Zeit keine Freunde mehr werden. Während Striegler bei der Vergabe von Kita-Plätzen bei zwei von drei Kindern Bochs vom Vorwurf der “Vorteilsannahme” spricht, fühlt sich Boch persönlich angefasst und sei “entsetzt” über die Instrumentalisierung seiner Kinder. “Eine politische Auseinandersetzung auf dem Rücken von Kindern auszutragen, das ist wirklich unterste Schublade!”, so Boch.

Das ist freilich die eine Sicht und völlig berechtigt: Kinder und weitgehend unbeteiligte Familienmitglieder sind keine guten politischen Ziele, wenn es darum geht, einen politischen Gegner anzugreifen, zweifellos. Der Grat zwischen moralischer Legitimität und Geschmacklosigkeit ist hier äußerst schmal und nichts für Anfänger.

Die andere Sicht ist aber auch: Peter Boch hat in der Vergangenheit dann eben doch sehr wohl auch seine Familie und Kinder instrumentalisiert. Man denke an Wahlkampffotos, die noch heute auf seiner Website zu finden sind und auch an viele Formulierungen in seinen Reden, die weit über die einfache namentliche Vorstellung seiner Familie hinausgehen und offenkundig eine emotional wirksame Ebene zu Wählern und Bürgern und vor allem zu Familien aufzubauen. Der fürsorgliche Familienvater, der um die Kita-Problematik weiß und Lösungen hat. Szenische Bilder, die gefallen.

Jenseits der Frage über den guten Geschmack in der modernen Wahlkampfführung und der politischen Arbeit: Kann man so im Rahmen eines öffentlichen Amtes machen. Dann sollte man aber auch in der Lage sein, mit dem Echo dazu umgehen zu können.

Dass ihn Frederic Striegler in seinem offenen Brief bei einem seiner größten politischen Herausforderungen und Wahlversprechen angreift und eine argumentative Schwäche ausnutzt, ist sicherlich ein gewürzter Debattenbeitrag und ein Balanceakt auf dem oben beschriebenen Grat. Allerdings ist auch Peter Boch Profi genug, aus dem wahren Kern von Strieglers Brief die Schlüsse zu ziehen, die dann Basis für eine souveränere Antwort unter dem Siegel der Stadt sein könnten. Denn zumindest so eine souveräne Antwort würde den Belastungen, die viele Familien aufgrund fehlender Kita-Plätze in Pforzheim durchleiden und durchaus auch den Blickwinkel von Striegler verstehen könnten, am ehesten gerecht.

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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über zwanzigjährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.