Inzwischen 230 corona-infizierte Mitarbeiter bei Müller Fleisch – Enzkreis informiert in Pressekonferenz

Pressekonferenz im Landratsamt unter Mundschutz

"Quarantäne-Einrichtung" für corona-infizierte Mitarbeiter in Gemeinschaftsunterkünften wird im Hohenwart Forum aufgebaut.

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Zu einer kurzfristigen Pressekonferenz lud Landrat Bastian Rosenau ins Landratsamt Enzkreis rund um die Corona-Infektionsfälle in der Belegschaft von Müller Fleisch. „Mit der Gesundheit der Menschen macht man keine Politik“, so Rosenau einleitend, hörbar besorgt. Es gehe nicht darum, aus politischen Gründen etwas zu tun oder zu unterlassen und es gehe auch nicht darum, dass Müller Fleisch ein großes Unternehmen im Enzkreis ist. „Es geht einzig und allein darum, welche medizinischen Empfehlungen es in einer solchen Situation gibt.“ Man stünde hierzu in engem Kontakt mit dem Landesgesundheitsamt Baden-Württemberg.

Zu den hier und da geäußerten Forderungen einer Schließung des Betriebes sagte Rosenau, dass man 1.100 Mitarbeiter und rund 500 Gastarbeiter habe. „Wenn wir 1.100 Mitarbeiter auf einen Schlag nach Hause schicken, für 24 Stunden Quarantäne wochenlang“, so Rosenau, „dann muss die Quarantäne überprüft und gesichert werden.“ Das sei eine „Mammutaufgabe“, die so „wohl nicht zu leisten ist“. Den Betrieb zu schließen berge daher auch nach Ansicht von Fachleuten die Gefahr, dass man „neue, unbekannte und nicht steuerbare Infektionsherde“ bekomme.

Rund 230 bestätigte Corona-Infizierte zählt das Gesundheitsamt Pforzheim-Enzkreis derzeit rund um die Belegschaft von Müller Fleisch aus Birkenfeld, wie Brigitte Joggerst, Leiterin des Gesundheitsamts Pforzheim-Enzkreis berichtete. Für die letzte zu testende Gruppe der rund 1.100 Beschäftigten erwarte man noch die Testergebnisse, so dass man erwartet, dass die Zahl wohl noch weiter steigen werde. Derzeit befänden sich „5 bis 6 Fälle“ im Krankenhaus, eine Person sei dabei in Intensivbehandlung. Da man von einer Krankheitsdauer von drei Wochen ausgehe, könne auch diese Zahl noch steigen.

Quarantäne und „Arbeitsquarantäne“

Wert lege man weiterhin auf die Feststellung, dass positiv getestete Mitarbeiter und Mitarbeiter mit Krankheitssymptomen für 14 Tage in häusliche Quarantäne müssen und auch nicht mehr bei der Arbeit erscheinen dürften. Ebenso wurde in einer ersten Verfügung festgelegt, dass alle anderen Mitarbeiter – also auch negativ getestete Mitarbeiter – eine „Arbeitsquarantäne“ einzuhalten hätten, also sich nur im Betrieb oder Zuhause aufhalten dürften und lediglich zum Transfer zwischen Arbeit und Heim außer Haus sein dürften. Weiterhin müssen alle Mitarbeiter einen Mund-Nase-Schutz im öffentlichen Raum tragen und dürften auch nicht den öffentlichen Personennahverkehr nutzen. Beim Transport in Transferbussen sei zu beachten, dass ein „Abstand von 1,5 Metern zueinander“ gehalten werden müsse. Ebenso plane man eine auf die derzeitigen Verpflichtungen aufbauende Anordnung, in der Müller Fleisch und Subunternehmer verpflichtet werden sollen, alle Mitarbeiter vor dem Zutritt in den Betrieb auf Corona-Symptome zu beobachten und deren Körpertemperatur zu messen.

Fragliche Quarantäne-Überwachung

Ob diese Quarantänebestimmungen in den rund 100 Objekten und Gemeinschaftsunterkünften in und um Pforzheim, in denen viele der vornehmlich aus Osteuropa stammenden Gastarbeiter wohnen, auch eingehalten würden, dazu gibt es Fragezeichen. Man habe nur zu zwei Drittel der Arbeiter einen „direkten Kontakt“, so Joggerst. Alle Mitarbeiter seien über den Betrieb und über die zwischengeschalteten Subunternehmer darüber informiert, ebenso habe man beispielsweise für die rumänischen Arbeitskräfte in einer Kooperation mit der Deutsch-rumänischen Gesellschaft eine Übersetzung der Anforderungen organisiert.

Zudem beklagte Neuenbürgs Bürgermeister Horst Martin, dass es für die Ortspolizeibehörden quasi keine Möglichkeiten gebe, Quarantänemaßnahmen in Wohneinrichtungen zu prüfen. Hier sei das Land gefragt für eine Änderung dieser Situation.

In einer weiteren Verfügung werde nun geplant, dass die häusliche Quarantäne in den Wohnobjekten nicht nur auf Mitarbeiter von Müller Fleisch beschränkt werde, sondern auf alle dort lebenden Menschen und damit auch Arbeitern in anderen Betrieben.

„Quarantäne-Einrichtung“ im Hohenwart Forum

Weiterhin werde im Hohenwart Forum eine „Quarantäne-Einrichtung“ der Stadt Pforzheim und des Enzkreises eingerichtet, um dort positiv getestete Bewohner von Gemeinschaftsunterkünften unterzubringen. In diesen Einrichtung würden die Bewohner versorgt und auch ärztlich betreut, ein Sicherheitsdienst stelle rund um die Uhr sicher, dass die Quarantänebestimmungen eingehalten werden. „Frische Luft auf dem Gelände, aber keine Spaziergänge durch den Höhenstadtteil, auch keine Einkäufe, sondern eine strikte Quarantäne, die einzuhalten ist und kontrolliert wird“, so der Wortlaut in der Pressemitteilung von Stadt und Enzkreis.

Auffallend am Rande: Zwar wurde eine konstruktive Zusammenarbeit zwischen Behörden und Müller Fleisch betont, allerdings gab es von Müller Fleisch keinen Vertreter vor Ort. Der Frage eines Journalisten, ob ein Vertreter von Müller Fleisch für diese Pressekonferenz angefragt worden sei, wich Rosenau aus.

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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über zwanzigjährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.