Seit Monaten Rechenfehler in den Corona-Zahlen des Gesundheitsamtes Pforzheim-Enzkreis (Update)

Screenshot aus einem täglichen Bulletin des Landratsamtes Enzkreis zu den aktuellen Corona-Zahlen

7-Tage-Inzidenz wird für Pforzheim und Enzkreis falsch ermittelt mit der Folge einer ungenauen Bewertung des Infektionsgeschehens.

(Lesezeit: 5 Minuten)

Der Artikel wurde am 24.08.2020 um eine Reaktion des Landratsamtes ergänzt, siehe das Ende dieses Textes.

Seit Mai gibt es bei den Statistiken zur Corona-Pandemie einen zusätzlichen Messwert, nämlich die so genannte „7-Tage-Inzidenz“. Diese Zahl soll angeben, wie viele Menschen sich in einem Stadt- oder Landkreis in den letzten 7 Tagen infiziert haben. Um flächendeckende Lockdowns wie im April zu vermeiden, ist dieser Messwert wichtig, denn ab einem Wert von 50 in der 7-Tage-Inzidenz gilt ein Kreis als stark betroffen und es müssen lokal relevante Schutzmaßnahmen geprüft werden.

Gleichzeitig sind die Werte für die 7-Tage-Inzidenz auch dazu geeignet, das Infektionsgeschehen zwischen verschiedenen Stadt- und Landkreisen miteinander vergleichen zu können. Auch das Gesundheitsamt Pforzheim-Enzkreis veröffentlicht seit 14. Mai 2020 jeden Tag in ihrem täglichen Bulletin über das Infektionsgeschehen die Werte für die 7-Tage-Inzidenz, jeweils für Pforzheim und das Enzkreis, die teilweise auch von den lokalen Medien in Pforzheim so übernommen werden.

Das Problem dabei: Die Zahlen des Gesundheitsamtes Pforzheim-Enzkreis für die 7-Tage-Inzidenz stimmen so nicht und das seit Anfang an. Aufgefallen ist das unserer Redaktion, da wir die Inzidenzzahl in der PF-BITS-Corona-Statistik selbst errechnen.

Fataler Rechenfehler

Tatsächlich unterläuft nämlich den Mitarbeitern ein fataler Fehler bei der Berechnung der 7-Tage-Inzidenz für Pforzheim und das Enzkreis. Es werden nämlich nur alle Neuinfektionen der letzten 7 Tage jeweils für Pforzheim und das Enzkreis addiert. Das ergibt dann beispielsweise für den vergangenen Freitag (21. August 2020) den Wert 13 für Pforzheim und den Wert 15 für das Enzkreis; so viele Neuinfektionen wurden in den beiden Kreisen gezählt.

Sind das also die besagten Werte für die 7-Tage-Inzidenz, wie sie auch von unseren Medienkollegen so übernommen werden und ist das Enzkreis tatsächlich stärker betroffen, als Pforzheim? Nein, beides nicht.

Denn tatsächlich sind diese Werte die einfachen Zahlen der Neuinfektionen und nicht die 7-Tage-Inzidenz, wie sie auch das Robert-Koch-Institut vorgibt. Denn die 7-Tage-Inzidenz wird auf eine Bevölkerungszahl von 100.000 Menschen umgerechnet, um überhaupt vergleichbare Zahlen zu bekommen. Rechnet man das nicht um, bekommen bevölkerungsstärkere Kreise selbst bei gleichem Infektionsgeschehen fälschlicherweise deutlich stärkere Inzidenzwerte.

Genau das passiert auch bei den regionalen Zahlen bei uns. Während Pforzheim eine Einwohnerzahl von 125.542 Einwohnern ausweist, leben im Enzkreis nach aktuellem Stand aber 198.905 Menschen. Also verteilt sich die höhere Zahl von Neuinfektionen im Enzkreis auch auf eine erheblich größere Bevölkerungszahl.

Und das ergibt dann, wenn die 7-Tage-Inzidenz korrekt berechnet wird, gänzlich andere Zahlen, nämlich (wiederum mit den Zahlen vom vergangenen Freitag) für Pforzheim den Inzidenzwert 10 und für das Enzkreis nur 8; das Infektionsgeschehen ist im Enzkreis also kleiner. Die folgende Statistik zeigt die realen Zahlen der 7-Tage-Inzidenz (die Graphen sind interaktiv):

Und das zeigt sich auch in den historischen Zahlen der letzten sieben Wochen, in denen nach Angaben des Gesundheitsamtes die (nicht korrekten) Werte. Extrem deutlich war das am 27. Juli 2020 zu sehen, als das Gesundheitsamt die 7-Tage-Inzidenz aufgrund eines größeren Infektionsausbruches in Mühlacker mit 23 für Pforzheim und gar 26 für das Enzkreis angab; tatsächlich waren es für Pforzheim aber 18 und für das Enzkreis mit 13 gar nur die Hälfte des falschen Wertes.

Übernommen wird der Rechenfehler auch in den offiziellen Lageberichten des Gesundheitsamtes. Erst in den offiziellen Zahlen des Landes Baden-Württemberg wird die 7-Tage-Inzidenz der einzelnen Kreise wieder korrekt geführt, offenkundig da hier eine eigene Berechnung erfolgt.

Also Entwarnung bei den Corona-Infektionszahlen?

Ganz klar: Nein! Der Rechenfehler, den das Landratsamt hier macht, sagt überhaupt nichts über die Gefährlichkeit der Pandemie aus und ist daher ausdrücklich auch kein Argument für eine mögliche Behauptung, dass die Verbreitung des SARS-CoV-2 ja vermeintlich „nicht so schlimm“ sei in der Region.

Tatsächlich ist die Entwicklung des Infektionsgeschehens weiterhin beunruhigend und auch die schlechter werdende Tendenz des Geschehens war selbst mit den inkorrekten Zahlen des Gesundheitsamtes deutlich zu erkennen. Weder darf die extreme Infektiosität des SARS-CoV-2-Virus unterschätzt, noch darf die mit dem Virus verbundene Krankheit COVID-19 verharmlost werden.

Update 24.08.2020: In einer Reaktion auf unsere Anfrage weist die Pressestelle darauf hin, dass tatsächlich die absoluten Zahlen für die letzten 7 Tage veröffentlicht werden. Man setze diese Zahlen in Beziehung zu den jeweiligen Grenzwerten, die für Pforzheim bei 63 und den Enzkreis bei 99 Fällen liegt. „Wir halten die Veröffentlichung dieser tatsächlichen Fallzahlen für transparenter, da nachvollziehbar“, so Pressesprecher Jürgen Hörstmann. „Es mag allerdings sein, dass wir das umstellen, wenn wir uns dem Warn- oder dem Grenzwert nähern sollten.“

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Besim Karadeniz (bka), Jahrgang 1975, ist Autor und Erfinder von PF-BITS seit 2016. Er ist beruflich selbstständiger Web-Berater und -Entwickler. Neben PF-BITS betreut er mehrere weitere Online-Projekte und kann auf einen inzwischen über 25-jährigen Online-Erfahrungsschatz zurückblicken. Neben der technischen Betreuung von PF-BITS schreibt er regelmäßig Artikel und Kolumnen und ist zuständig für den Kontakt zu Partnern und Autoren.