„Schluss mit lustig“, bevor es angefangen hat

Der Vorschlag für den Corona-Orden: ist es nur die Jahreszahl 2020 oder zeigen die Narren dem Virus tatsächlich den Mittelfinger? Beides!

Die Vorlage zum Corona-Orden 2020 lag bei der letzten Präsidiumssitzung der Pforzheimer Faschingsgesellschaft bereits auf dem Tisch. Den wird es aber in der gewohnten Form in dieser Kampagne nicht geben.

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Die Gesichter des närrischen Gremiums wurde immer länger, als Steffen Henne in der letzten Präsidiumssitzung verkündete, dass wohl die meisten Veranstaltungen in der eigentlich heute startenden Faschingskampagne entfallen werden. Am 6. November 2020 kam dann die endgültige Bestätigung vom Präsidenten per Email, dass es definitiv keine öffentliche Veranstaltungen geben wird.

Mareike Grom, Leiterin der PFG-Tanzsportabteilung, fasst zusammen, dass zu Beginn der Corona-Pandemie den aktiven Tänzerinnen per Video kleine digitale Tanzaufgaben gestellt wurden, um den gemeinschaftlichen Kontakt nicht zu verlieren. Groß war dann die Freude, als nach den Sommermonaten wieder live gemeinsam mit den anderen Vereinsmitgliedern trainiert werden durfte. Natürlich sind nun alle Aktiven traurig, dass die Kampagne nicht stattfinden wird, denn die neuen Tänze und Choreographien der drei verschiedenen Tanzgruppen und der zwei Tanzmariechen Emmy und Fabienne sind bereits einstudiert.

Die Absage der einzigen sozialen Faschingsveranstaltung im Enzkreis für Senioren und Menschen mit Handicap fiel besonders schwer, denn in die Organisation wurde von allen Beteiligten besonders viel Herzblut investiert. Hier feierte man in den vergangenen Jahren immer im Congress Centrum, alle Darsteller verzichteten auf ihre Bezahlung und bereiteten den Besuchern ein paar kurzweilige närrische Stunden.

Probe mit Abstand

Ebenfalls neu eingeübt wurden einige neue Lieder von den „Guggegaiße“ aus Kieselbronn. „Wir haben von unseren Fans einen Kampagnen-Hit wählen lassen, den wir einstudiert haben und hoffen, dass wir diesen in irgendeiner Weise bald präsentieren können“, so Anna Reimer, Pressesprecherin bei den Guggenmusikern aus Kieselbronn.

Um den Probebetrieb aufrecht zu erhalten verließ man den eigenen Proberaum und übte in den Räumen der Kleintierzüchter, da dort die Proben mit dem entsprechenden Abstand durchgeführt werden konnten. „Natürlich verstehen wir das alles und wollen selbst auch dazu beitragen, dass sich das Virus nicht weiter verbreitet“ so Anna Reimer, „aber wir lieben es, vor Publikum Musik zu machen und freuen uns um so mehr darauf, wenn wir wieder spielen dürfen.“

Hexenmusik übt auf dem Schulhof

Fabian Häffelin ist musikalischer Leiter der Hexenmusik der Kräheneck-Hexen. Auch hier hätte am 11.11. abends auf dem Dillweißensteiner Ludwigsplatz der erste Paukenschlag in der neuen Kampagne stattgefunden. Allerdings ist auch dieser Start in die fünfte Jahreszeit abgesagt. „Über die Sommermonate haben wir auf dem Schulhof der Dillweißensteiner Schule im Freien geprobt, was nun erstens wegen der Coronaverordnung und zweitens wegen der Außentemperaturen nicht mehr möglich ist“ so Häffelin. Auch neue Lieder waren geplant, die Noten bleiben nun in der Schublade liegen, da weder Proben möglich sind noch irgendwelche Veranstaltungen in naher Zukunft stattfinden werden.

„…ätzend, aber so geht es leider allen.“

Auch bei der Leutrum-Garde in Würm ist man wenig begeistert von der Absage der närrischen Jahreszeit. „Nach der Sommerpause war die Stimmung recht gut, mit erstelltem Hygienekonzept und sehr gut besuchten Proben haben alle die Gemeinschaft wieder genossen“ erzählt Sindy Schulze, die erste Vorsitzende des Schalmeienvereins. Die ersten drei Proben nach den Sommerferien habe man im Freien geprobt, später wurde das Vereinsheim aufwendig mit zusätzlichen Trennfolien provisorisch umgerüstet, so dass alle Musiker mit mindestens zwei Meter Abstand zum nächsten sitzen konnten.

„Die Höhepunkte unseres Vereinslebens werden uns schon sehr fehlen: kein Oktoberfest beim befreundeten Schalmeienverein in Philippsburg, kein Martinimarkt in Brötzingen, keine Weihnachtsfeier und erst recht keine Proben für unsere Prunksitzung mit neuen Liedern und unserem Männerballett,“ so die Vereinsvorsitzende. „Es ist ätzend, aber so geht es leider allen und wir müssen vor allem den Kontakt halten. Und vielleicht zeigt uns der Verzicht, wie wichtig uns das Vereinsleben, das gemeinsame Musizieren und feiern ist und die allgemeine Vereinsmüdigkeit – über die sich alle Vereine beschweren – schwindet und der Wert der Gemeinschaft steigt wieder.

Neue Situationen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen

Nicht ganz vermiesen lässt man sich die gute Laune in Dillweißenstein. Alljährlich weckt hier die Belrem-Gilde den über den Sommer schlafenden Ritter Belrem (dargestellt durch den Vereinsvorsitzenden Jörg Müller) und seine Lieblichkeit Suleima (Maite Sancho). Da eine Veranstaltung wie sonst auf dem Schulhof bei der Nagoldhalle auch hier nicht möglich ist, hat man sich entschieden, die Erweckung des Ritters im Internet zu vollziehen. Bei Facebook soll am Freitag, dem 13. November 2020 dies um 19:11 Uhr per Liveschaltung geschehen.

Auch die weiteren Aktionen des Vereins stehen hier wie bei allen anderen noch in den Sternen. Jörg Müller, Gildemeister der Belrem-Gilde, ist optimistisch, dass vielleicht zumindest der Schneemann auf dem Ludwigsplatz verbrannt werden kann, auch wenn der Faschingsumzug bereits abgesagt ist. Der KIKO, der traditionelle Kinder-Kostümball in Dillweißenstein ist für Jörg Müller zwar „schwer vorstellbar“, aber im Bedarfsfall „wäre so etwas ja schnell vorbereitet“, da dieser hauptsächlich nur durch vereinseigene Kräfte gestemmt wird. Abschließend klingt er aber wieder optimistisch und will die Situation „Abhaken, gesund bleiben und gute Laune haben“.

Über Björn Fix 228 Artikel
Björn Fix (bf), Jahrgang 1970, passionierter Fotoreporter und ständiger Mitarbeiter bei PF-BITS seit der ersten Stunde. Als gut informierter, zuverlässiger und gern gesehener Zuschauer und Beobachter ist er vor allem zuständig für aktuelle und "fixe" Berichterstattungen aus der Region.